Medizin und Gesellschaft „Über Krankheit und Schuld“ von Martin Zeyn
Es gibt Krankheiten, die in ihrer Geschichte einen Schuldspruch bedeuteten: Syphilis galt lange als Strafe für ein lasterhaftes Leben. Die moderne Medizin entkoppelte beide Begriffe, konnte aber diese Verknüpfung nie ganz ausrotten. Lassen also gewisse Krankheiten den Menschen nicht doch als schuldig zurück?
Wir unterscheiden Krankheiten, in chronische, in Kinder-, in tödliche, unheilbare. Und wir unterscheiden sie in verschuldete und unverschuldete, – nicht immer, aber doch viel zu oft, als dass es Zufall sein könnte.
An der Infektionskrankheit Corona lässt sich das gut beobachten: Da waren die Superspreader, die die Welt rundherum ansteckten, da waren die Jugendlichen, die dafür verantwortlich gemacht wurden, dass die Ansteckungsrate stieg. Es gab und gibt Menschen, die verantwortlich für die Krankheit waren. Die sie weiterverbreitet haben.
Ich hatte Corona. Ich habe niemanden angesteckt. Es war eine wirkliche Erleichterung, als sich nach zwei Wochen abzeichnete, keiner der Kollegen, keine der Kolleginnen hatte etwas von mir abbekommen. Ich war nicht nur kein Superspreader, ich war nicht einmal ein Spreader. Ich hatte niemanden mit dieser Krankheit angesteckt, die in zwei bis drei Prozent der Fälle tödlich ist.