Zeit Online: Koreless „Das Warten auf den Bass, der niemals droppt“
Lewis Roberts macht als Koreless elektronische Musik, aus der kein menschlicher Einfluss mehr spricht. Super. Einziges Problem: Roberts arbeitet unmenschlich langsam. Eine Rezension von Daniel Gerhardt
Das Problem mit den meisten Computern ist, dass sie noch immer von Menschen bedient werden. Gerade erst hat eine populäre Herstellerin mit aufdringlicher Plakatwerbung an diesen Missstand erinnert. Lewis Roberts wurde wahrscheinlich nicht gefragt, ob er Teil der Kampagne sein wollte, die sich den Menschen hinter den Maschinen widmete. In seiner elektronischen Musik, die der Komponist und Produzent aus dem walisischen Bangor unter dem Namen Koreless veröffentlicht, geht es schließlich gerade darum, den Menschen loszuwerden. Künstlich und rigide soll Koreless klingen, befreit von allen Hinweisen auf menschliches Zutun. Ein mission statement aus dem Jahr 2013: „Ich möchte niemals echte Musik machen.“
Roberts hält bis heute an diesem Grundsatz fest, vielleicht ist er auch deshalb so langsam. Gerade einmal elf Tracks hat Koreless in den ersten elf Jahren seiner Karriere herausgebracht, nun folgen endlich zehn weitere auf seinem Debütalbum Agor. Stotternde Stimmsamples liegen darin über Synthieflächen, detailfreudig programmierte Loops heben den Unterschied zwischen Versandung und Verselbstständigung auf. Das Warten auf neue Musik des studierten Schiffbauers und Meerestechnikers wird nun beim Anhören des Albums durch ein anderes Warten abgelöst: darauf, dass sich die Melodien vollständig entfalten, dass Beats den Schwebezustand der Tracks überwinden, auf den Bass, der niemals droppt.
© Zeit Online, Kultur, Musik, 9.7.2021