Meilensteine der Moderne (27) James Tenney „Postal Pieces“
Eine Komposition, die auf einer Postkarte Platz findet? Der US-Amerikaner James Tenney (1934-2006) war gewiss nicht der erste, der diese Idee hatte, aber er hat sie auf exemplarische Weise durchgeführt. Von Thomas Meyer.
Tenney hasste es, Briefe zu schreiben. Also begann er 1965 seine legendären „Postal Pieces“ zu verfassen, sogenannte „Scorecards“, die er an Freunde wie Pauline Oliveros, La Monte Young, Philip Corner, Max Neuhaus oder Malcolm Goldstein verschickte. Diese Karten bilden eine bemerkenswerte Serie von elf kurzen Stücken. Es sind musikalische Grüße und Nachrichten, wie man sie völlig anders geartet etwa bei György Kurtág findet, sie enthalten jeweils kleine Partituren, Graphiken, Spielanweisungen oder Konzepte. So schlicht sie daherkommen, öffnen sie doch jeweils ein riesiges Spiel- und Assoziationsfeld. So kurz die Texte sind, können sich die Stücke doch über lange Zeitdauern entfalten.
Und das ist ja auch mit richtigen Postkarten so: Morgens fischen wir sie aus dem Briefkasten, lesen sie rasch auf dem Rückweg in die Wohnung, stellen sie vor die Vase – und dann lassen uns die Worte, Klänge und Bilder den ganzen Tag über nicht mehr los.
James Tenney
Postal Pieces (1965-71):
Maximusic (1965), Swell Piece (1967), A Rose Is a Rose Is a Round (1970), Beast (1971), Swell Piece #2 (1971), Having Never Written a Note for Percussion (1971), Koan (1971), For Percussion Perhaps, Or . . . (night) (1971), Swell Piece #3 (1971), Cellogram (1971), August Harp (1971)
© WDR 3, Studio Neue Musik, 27.3.2022