„Musikalisches Schaulaufen“ Das zweite Album der britischen Band Black Midi, „Cavalcade“
Virtuosen sind die drei Mitglieder der britischen Band Black Midi. Auch auf ihrem zweiten Album »Cavalcade« schrecken sie nicht davor zurück, ihre Könnerschaft geradezu exzessiv unter Beweis zu stellen. Von Jens Uthoff
Sie sind unglaublich umtriebig, übertrieben talentiert und unterhaltsam dazu – zuletzt konnte man sich davon bei einer von ihnen moderierten Radioshow überzeugen. Die Rede ist von der Londoner Band Black Midi, die im vergangenen Jahr beim britischen Online-Radiosender NTS die »Black Midi Variety Hour« streamte. In einer Episode will der Black-Midi-Sänger und Moderator Geordie Greep den von einer Schaffenskrise gebeutelten (Tour-)Keyboarder Seth Evans unter anderem davon überzeugen, nur noch die weißen Tasten zu spielen – vielleicht würde ihm das ja aus dem kreativen Loch helfen. »Das geht gar nicht, was ist mit der Kunstfreiheit? Ist es überhaupt möglich, ein freies Leben zu führen, wenn man nur die weißen Tasten benutzt?« echauffiert sich dieser, ehe er sich mit einem locker-lässigen Pianosolo den Frust vom Leib spielt. In derselben Folge kann man dann auch noch großartigen Coverversionen von Björks »Bachelorette« (arrangiert von Bassist Cameron Picton) und Bruce Springsteens »Born to Run« staunend lauschen.
Bliebe für Black Midi nur noch ein Problem: Musik braucht auch Hörer. Man kann sich tatsächlich vorstellen, dass »Cavalcade« zwar alle echten Musikenthusiasten dieser Welt, Nerds und Kritiker begeistern wird, aber ob sie damit viele Fans gewinnen, darf bezweifelt werden. Single- oder radiotaugliche Stücke finden sich auf diesem Album jedenfalls nicht (selbst »Marlene Dietrich« klingt zu speziell und aus der Zeit gefallen). Für die Enthusiasten, Nerds und Kritiker macht das diese Band natürlich erst recht sympathisch. Sie alle dürften gebannt verfolgen, was aus dem Black-Midi-Universum zukünftig noch alles so kommt.
© JungleWorld, Dschungel, 22.6.2021