Nach Hören: Ein Versuch über Gerechtigkeit

Kein kleiner Unterschied
Von Martin Zeyn

Ungefähr in der Mitte der Romanbiografie „Orlando“ entdeckt die Hauptfigur, dass sie von einem Mann zu einer Frau geworden ist – und verschwendet weiter keinen Gedanken daran. So einfach wie im Roman geht es im Leben nicht zu. Zwar kann Tom Neuwirth heute als Conchita Wurst den Eurovision Song Contest gewinnen, aber er (oder sie?) ist immer noch eine bestaunte Ausnahme. Das gilt auch für die Subkultur, denn im Gespräch mit Jean Paul Gaultier merkt denn auch der Sänger an, die Drag Queens hätten ihn immer schräg angeschaut: Ganz Frau zu werden als Mann, das würden sie verstehen, aber nicht eine Frau mit Bart sein zu wollen.

Warum aber unterscheiden wir überhaupt in Mann und Frau? Ist die Spanne zwischen einem femininen und einem maskulinen Mann nicht größer als der kleine Unterschied zwischen den Geschlechtern? Wieso brauchen wir Eindeutigkeit? Weil sie natürlich gegeben ist oder weil sie einigen nützt? Im Virginia des 17. Jahrhunderts waren Frauen, Schwarze und bekehrungsunwillige Papisten von der Wahl ausgeschlossen. Wieso spielen zwei dieser Einteilungen heute immer noch eine Rolle, die dritte aber nur noch als Witz? Natürlich gibt es Unterschiede in der menschlichen Rasse. Aber wir diskriminieren ja auch niemanden wegen seines Fingerabdrucks, der sich von allen anderen unterscheiden.

© Bayern 2, Nachtstudio, 19.1.2016

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