Nachruf auf George Crumb: „Das Utopische und das Pragmatische gehörten für ihn zusammen“
Yin und Yang in der ernsthaften Musik: Zum Tod des amerikanischen Komponisten George Crumb, der seine klanglichen Erkundungen mit Traditionsbewusstsein verband. Von Gerhard R. Koch.
„Amerika, du hast es besser . . . hast keine verfallenen Schlösser, keine Basalte“, überdies keine müßigen Dispute über Grundsatzfragen. Goethes utopische Hommage an die Neue Welt war Vorwegnahme des Satzes von John Cage: „Jeder sollte das Recht haben, so wenig wie möglich beeinflusst zu sein.“ Was abendländelnde Bildungsbürger als „Kulturlosigkeit“ schmähten, förderte gerade die Offenheit für das Unbekannte, noch nicht Etablierte oder gar zum Dogma Geronnene. Kommunikation ist wichtiger als feste Standpunkte. Gespräche mit und unter Amerikanern fahren seltener im Prinzipiellen fest. Das gilt auch für die Musik, obwohl der Betrieb eher konservativ ausgerichtet ist.
Aber die leidige Diskussion, was Musik überhaupt sei, ist im multikulturellen Einwandererland seit jeher weniger orthodox: „E“ und „U“, Theorie und Praxis sind weniger streng getrennt. Und das Wort Eklektizismus läuft nicht von vornherein auf den Bannfluch hinaus.
Nicht zuletzt dem Komponisten George Crumb kommt man mit der Polarität von Tradition und Fortschritt kaum bei, vereinte er doch schier yin- und yanghaft radikale klangliche Explorationen mit Rückbezügen zu Natur und Geschichte. 1929 in West Virginia geboren, entdeckte er sowohl die Traditionen des ländlichen Amerika als auch Chopin, Schumann und Brahms, dann Debussy und Bartók, dann aber auch die gänzlich antiakademischen Pioniere Charles Ives und Henry Cowell.
© FAZ, Feuilleton/ Bühne und Konzert, 7.2.2022