Nachrufe auf Lee „Scratch“ Perry

„Immer neue Schichten an Effekten trug er auf, bediente Filter und ließ das Echogerät Kapriolen schlagen. Melodien hallten über Sekunden nach … Aufnehmen, Mixen, die technischen Apparaturen bedienen und den Klang formen sowie gestalten – durch Lee ‚Scratch‘ Perry wurde dies zum eigenen künstlerischen Akt.


Kosmische Kapriolen

Lee „Scratch“ Perry ist gestorben. Der visionäre jamaikanische Produzent schickte am Mischpult Reggae in die Echokammer und erweckte damit die Geister des Dub zum Leben. Von Lars Fleischmann/TAZ.

Als Kind aus ärmlichsten Verhältnissen – Vater Straßenarbeiter, Mutter Erntehelferin für Zuckerrohr, die Behausung eine Wellblechhütte – wusste Rain­ford Hugh Perry schon früh, dass man sich Geradlinigkeit leisten können muss. Als er 1936 in dem Ort Manchester auf Jamaika geboren wurde, war die Insel noch lange nicht das karibische Urlaubsparadies heutiger Tage. Doch Perry kam gerade pünktlich zur Welt, um selbst in das Schicksal seines Landes einzugreifen, dass damals noch britische Kolonie war. Wenngleich er nicht das werden sollte, was man einen „Nationalhelden“ nennt. Bis zuletzt galt der berühmte Dubreggaeproduzent als Nonkonformist – nicht immer freiwillig.



Ein geheimnisvoller Sound aus Rasseln, fliessendem Wasser, Gehämmer und Kuhgebrüll – zum Tod von Lee Perry

Der Dub- und Reggae-Pionier ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Die wegweisende Bedeutung Lee Perrys, der eine Zeitlang in der Schweiz lebte, reicht weit über die Grenzen von Jamaica hinaus. Von Hanspeter Künzler/NZZ.

«Man könnte alle Wälder in Skandinavien fällen und hätte immer noch nicht genug Papier, um der wundersamen Kunst des Lee Perry gerecht zu werden», hiess es im November 1984 im britischen «New Musical Express». Das war nur leicht übertrieben. Lee «Scratch» Perry hat einerseits selbst etliche Lokalhits produziert. Andrerseits hat er viele jamaicanische Musiker gefördert. Namentlich Bob Marley half er zu Beginn der 1970er Jahre, eine eigene Stimme und einen eigenen Sound zu finden.



Geistererscheinung

Lee Perry, Reggae-Pionier, Dub-Erfinder, quartals-wahnsinniger Donnergott, Regenmacher und Sonnenkönig ist gestorben. Erzählt man sich. Von Jakob Biazza/SZ.

Großer Unfug natürlich, jetzt zu behaupten, Lee Perry sei gestorben. Geister sterben ja nicht. Wenn sie diese Welt überhaupt verlassen, nehmen sie einen noch flüchtigeren Aggregatszustand an, zerstäuben und verteilen sich endgültig in die letzten Poren dieser Welt. Lee Perry, genannt „Scratch“, Reggae-Pionier, Dub-Erfinder, Geistererscheinung eines jeden, der es mit dem Spirituellen einmal einen Tick zu ernst genommen hat, und Superlativ-Was-auch-immer jedweder Musik, die jemals in die Nähe eines Off-Beats gekommen ist, hat sich also endgültig in die Welt verteilt. Erzählt man sich.



Das Studio war sein Instrument

Der jamaikanische Produzent und Musiker Lee „Scratch“ Perry hat Reggae und Dub miterfunden. Jetzt ist er im Alter von 85 Jahren gestorben. Von Nadine Lange/Der Tagesspiegel

Bob Marley steckt in der Krise. Mit seiner Band, den Wailers, hat er ein paar kleinere Erfolge gehabt, doch 1970 geht es nicht richtig weiter.

Dann trifft der junge Musiker eine Entscheidung, die sowohl für seine Karriere als auch für das Reggae-Genre wegweisend sein sollte: Er sucht Rat beim neun Jahre älteren Produzenten Lee „Scratch“ Perry, dem gerade alles zu gelingen schien. Und tatsächlich setzt Perry auch Bob Marley, den er eine zeitlang bei sich wohnen lässt, aufs Erfolgsgleis.

Er produziert für die Wailers eine Serie von Hits, darunter „Small Axe“, „Duppy Conqueror“ und „Soul Rebel“. Anschließend steigt Marley zum Superstar auf, während Lee Perry seine produktivste Schaffensphase weiter vorantreibt. Auf seinem Label The Upsetter bringt er zwischen 1969 und 1974 rund hundert Singles heraus und etabliert sich als eine der innovativsten Kräfte der jamaikanischen Musik.



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