Musiktipps

Nachrufe auf Ryuichi Sakamoto von Daniel Kothenschulte (FR) und Albert Koch ( ZeitOnline)

Verstorbener Komponist Ryuichi Sakamoto „Die aufbauenden Beats der Melancholie“

Zum Tod des japanischen Komponisten und Pop-Virtuosen Ryuichi Sakamoto.

Das Verhältnis zwischen Musik und Bild ist selten gerecht. Das Ideal von Synästhesie bleibt meist ein Traum, denn wer zuerst da ist, gewinnt – und das ist meist das Bild. Legionen von Filmkomponisten beklagten sich über all die unmusikalischen Regisseure, die ihre Hervorbringungen wahllos zerschnitten oder mit Sprache und Geräuschen übertönten.

Ryuichi Sakamoto muss dieses Kräfteverhältnis gleich bei seinem ersten Auftrag für Nagisa Oshimas Kriegsgefangenendrama „Furyo – Merry Christmas Mr. Lawrence“ durchschaut haben. Der 30-Jährige spielte neben David Bowie selbst eine tragende Rolle, sah blendend aus – aber fand sich fürchterlich. Also übertönte er, wie er gern erzählte, sein Spiel hemmungslos in seiner zweiten Rolle als Filmkomponist, und Oshima hatte offensichtlich nichts dagegen. Sakamotos ganzes Werk – in Pop, zeitgenössischer Konzertmusik und Filmkomposition – sollte sich fortan geltenden Hierarchien widersetzen.

Wie er 2018 in einem Interview mit der iranisch-amerikanischen Regisseurin Shirin Neshat ausführte, das man bei Youtube sehen kann, fand er den Schlüssel für sein Musikverständnis schon als Kind. Wie ungerecht erschien es ihm, dass die linke Hand nur die rechte begleiten sollte. Dann aber entdeckte er Johann Sebastian Bach, und die Töne liefen plötzlich Hand in Hand.



© FR, Kultur, 3.4.2023



Ryuichi Sakamoto: Der wirklich letzte Kaiser

Ryuichi Sakamoto komponierte Soundtracks und Opern, moderne Klassik und Popsongs. Sein Einfluss auf die elektronische Musik ist unmöglich zu überschätzen. Ein Nachruf von Albert Koch.

In dem Dokumentarfilm Ryuichi Sakamoto: Coda von 2017 erzählt der japanische Komponist, Pianist, Produzent und Schauspieler, wie er nach einer überstandenen Krebserkrankung wieder an die Arbeit gegangen ist. Die Ärzte hatten ihm geraten, sich zu schonen, deshalb habe er sich zunächst auf acht Stunden Musikmachen am Tag beschränkt. Sakamoto war also ein Arbeitstier, strahlte dabei jedoch die innere Ruhe eines buddhistischen Mönchs aus. Als Mensch, der die Welt, die Kunst und die Natur ganzheitlich dachte, war er aktiv in der japanischen Antiatomkraftbewegung und trat ein für eine Zivilisation, die wieder mehr Wert auf die Bedürfnisse der Menschen legen sollte. Die schönste Installation, sagte Sakamoto einmal, sei das Geräusch von fallendem Regen. Naturgeräusche flossen in die Musik seiner Spätphase ein, sie kam mit weniger Tönen aus als das Frühwerk, machte die Klangräume aber weit auf.

Viele kennen Sakamotos Musik, seinen Namen jedoch nur wenige. Soundtracks für Erfolgsfilme wie Der letzte Kaiser und Little Buddha hat der Künstler geschrieben, für Fernsehserien wie Black Mirror und für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Barcelona, die 1992 im Fernsehen weltweit von mehr als einer Milliarde Menschen gesehen wurde. Doch es wäre falsch, Sakamotos Arbeit auf die Begleitmusik für Blockbuster und globale Massenevents zu reduzieren.

akamoto war ein unermüdlicher Klangforscher, immer an der Schöpfung von etwas Neuem interessiert, den Blick in den Rückspiegel verweigerte er. Mit seiner Band Yellow Magic Orchestra und als Solokünstler changierte er in mehr als vier Jahrzehnten zwischen Pop- und sogenannter Hochkultur, sprang zwischen den Genres hin und her und schuf auf diese Art ein einmaliges Werk, dessen Einfluss vor allem auf die elektronische Musik man gar nicht hoch genug einschätzen kann.



© ZeitOnline, Kultur, 3.4.2023



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