Musiktipps

Nachrufe auf Sofia Gubaidulina: „Komponieren als Weg zu Gott“

Von Jan Brachmann (FAZ). Zum Tod von Sofia Gubaidulina. Sie ging auch in der Sowjetunion ihren eigenen Weg, ließ sich heimlich taufen und sprach zum Publikum wie nur wenige andere zeitgenössische Komponisten.

Bilder spielen in Russland eine große Rolle. Und weil die Ikone von Alters her Würde genießt, gilt es für die Musik kaum als Erniedrigung, die Nähe zum Bild zu suchen. Beethovens entschuldigende Bemerkung, die „Pastorale“ sei „mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“, hätte ein Russe für weniger dringlich erachtet. Mussorgskij schämte sich nicht, „Bilder einer Ausstellung“ zu schreiben; Rachmaninow nicht, „Études-tableaux“ zu komponieren. Sofia Gubaidulina hatte schon als Kind großes Zutrauen zu Bildern: Noch nicht getauft und kaum im Glauben unterwiesen, verlor sie sich ganz unbefangen in Gebet und Betrachtung vor Ikonen, zu Hause, im tatarischen Tschistopol, wo sie am 24. Oktober 1931 zur Welt kam.

„Ob ich modern bin oder nicht, ist mir gleichgültig. Wichtig ist mir die innere Wahrheit meiner Musik“ Sofia Gubaidulina

© FAZ, Jan Brachmann, 13.3.2025


Sie ließ in der Coronazeit den Zorn Gottes losdonnern

Von Manuel Brug (Welt). Sofia Gubaidulina wurde geboren in der Sowjetunion, lebte seit 1992 in Deutschland. Die Komponistin war gefragt bei Orchestern und populär beim Publikum. Sie wurde von Weltstars wie Gidon Kremer oder Anne-Sophie Mutter um Werke gebeten. Nun ist sie mit 93 Jahren gestorben.

Eine zutiefst gläubige Tatarin, geboren am 24. Oktober 1931 in Tschistopol. Die bei Hamburg lebte und von dort noch zuletzt hochbetagt den „Zorn Gottes“ losdonnern ließ. Eine kleine, starke Frau in der eher schütteren Riege der Gegenwartskomponistinnen, die viel gespielt wurde, seit den Achtzigerjahren bei großen Orchestern populär war, die so exotische Instrumente wie das Knopfakkordeon Bajan erklingen ließ, aber auch von Geigenweltstars wie Gidon Kremer oder Anne-Sophie Mutter um Uraufführungen gebeten wurde. Das alles war Sophia Gubaidulina, die politisch einiges durchmachen musste, sich aber nie verbiegen ließ, stets im orthodoxen Christentum Sinn und Trost, vor allem auch Inspiration für ihre ganz eigene, auch eigensinnige Musik fand.

© Welt, Manuel Brug, 13.3.2025

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