Neil Young gegen Joe Rogan – ein medialer Boxkampf ohne Infight
Der Rockstar hat sich von Spotify verabschiedet, weil hier ein Podcaster Impfgegnern das Wort überlässt. Die Kontroverse zeigt Probleme der Streaming-Plattform mit der Meinungsfreiheit. Von Ueli Bernays.
Der eine kämpft für die Wahrheit, der andere für die freie Meinungsäußerung. Und wäre die Welt weniger kompliziert, hätten sich die beiden persönlich getroffen, um ihre Ideale in einem nüchternen Gespräch zu vertreten. Aber Neil Young, der Säulenheilige des Folk-Rocks, und Joe Rogan, der berühmte und berüchtigte Moderator des Spotify-Podcasts «The Joe Rogan Experience», haben nie direkt miteinander kommuniziert. Dass sie in den Social Media nun als Gegenspieler und Symbolfiguren erscheinen, liegt einerseits an der Eigendynamik der Online-Öffentlichkeit, die sich gerne am Feuer personalisierter Kontroversen erhitzt.
Andrerseits handelt es sich bei Young wie bei Rogan um prominente Kämpen, die sich in der medialen Gegenwart gerne in Szene setzen. Beide haben sie sich bis vor kurzem auf Spotify präsentiert, wo sie auch zu Antagonisten wurden. Es geht wieder einmal um Corona. Neil Young trägt das Banner der Wissenschaft, an der sich die Corona-Politik orientieren soll. Rogan hingegen lässt im Zeichen der Redefreiheit in seinem Podcast auch Corona-Skeptiker und Impfgegner zu Wort kommen.
Die Kunst des Kampfes
Joe Rogan hat seine Karriere buchstäblich als Kämpfer lanciert. Der Vater, ein Polizist, regierte die Familie mit der Faust, bevor er sie verliess. Sein Sohn liess sich durch familiäre Probleme aber nicht unterkriegen, mit Kampfsport stärkte er sein Selbstbewusstsein. Später bewährte er sich als Kommentator von Martial-Arts-Übertragungen, als Showmaster und Stand-up-Comedian. Seit 2009 führt er seinen Podcast, auf dem er zwei-, dreimal die Woche prominente, nicht selten schrille Persönlichkeiten zu Wort kommen lässt.
© NZZ, Feuilleton, 1.2.2022