NZZ: Das Gespenst von Fela Kuti: Gründer des Afrobeat, polygames Grossmaul, Opfer der nigerianischen Diktatur
Fela Kuti war der wohl bedeutendste Musiker, den Afrika je hervorgebracht hat. Er starb vor einem Vierteljahrhundert und ist doch allgegenwärtig. Ein Besuch bei der Familie. Von Samuel Misteli.
Es gibt zwei berühmte Untote in Nigeria.
Der eine heisst Muhammadu Buhari, er ist 78 Jahre alt, Präsident des Landes. Ein schmaler Mann mit dickrandiger Brille, so kränklich, dass er manchmal zur medizinischen Behandlung nach London geflogen wird. Vor einigen Jahren ging das Gerücht um, der Präsident sei längst tot, ein Doppelgänger trete an seiner Stelle auf.
Der zweite Untote heisst Fela Kuti. Er ist der vielleicht einflussreichste Musiker, den Afrika je hervorgebracht hat. Er spielte nicht nur Trompete, Saxofon und weitere Instrumente, er sang auch. Ende der 1960er Jahre prägte er ein neues Genre: den Afrobeat. Fela Kuti war auch ein polygames Grossmaul, das in den 1970er und 1980er Jahren mit Nigerias Militärdiktatoren über Kreuz lag. Er schrieb wenig schmeichelhafte Lieder über sie, wurde dafür von Soldaten verprügelt und Dutzende Male verhaftet. Wenn er aus der Haft kam, schrieb er meist ein neues, wenig schmeichelhaftes Lied.
In den 1980er Jahren war Muhammadu Buhari ein erstes Mal Präsident. Er trug Uniform, führte einen «Kampf gegen die Disziplinlosigkeit». Er liess Fela Kuti ins Gefängnis werfen, unter dem Vorwand des Währungsschmuggels. Als Kuti nach 20 Monaten wieder freikam, schrieb er ein Lied. Er bezeichnete Buhari darin als ein «Tier in der Haut eines Irren».
Kuti starb 1997 an Aids, Buhari wurde 2015 noch einmal Präsident. Doch wer nach Nigeria reist, erhält den Eindruck, der Musiker sei lebendiger als der Politiker. Fela Kutis Songs werden noch immer im Radio gespielt, seine Silhouette findet sich auf Hauswänden, sein Name fällt in Gesprächen. Die Rede ist nie von Kuti, sondern von «Fela» – als wäre er ein guter Bekannter oder ein Familienmitglied.
© NZZ, Feuilleton, 20.6.2021