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NZZ: Das Kronos Quartet: Vier Streicher intonieren den Protest von Christoph Wagner

Das amerikanische Kronos Quartet hat sich einen Namen gemacht mit Crossover-Projekten. Nun hat es sich des Repertoires des amerikanischen Folk- und Protestsängers Pete Seeger angenommen. Das neue Album darf als politisches Signal verstanden werden.

Das Kronos Quartet greift immer wieder über die gängige Streichquartettliteratur hinaus, um Klassik mit Jazz, Rock oder ethnischer Musik zu verbinden. Im Repertoire der vier Musiker leben so unterschiedliche Komponisten wie Joseph Haydn, Blind Willie Johnson, Thelonious Monk, Jimi Hendrix, Laurie Anderson, Asha Bhosle und DJ Spooky ziemlich einträchtig beieinander.

Die stilistische Breite hat dem Kronos Quartet zwar wiederholt den Vorwurf postmoderner Beliebigkeit eingebracht. Doch das kümmert die Musiker wenig. Unbeirrt setzen sie ihre Mission fort, das Streichquartett als «Weltmusik» neu zu definieren und so aus dem Elfenbeinturm herauszuholen. Und wenn heute über Dekolonialisierung, Feminisierung und Diversifizierung im klassischen Musikbetrieb gestritten wird, hat Kronos damit schon vor Jahrzehnten begonnen.

Jenseits der Genregrenzen

Das Streichquartett von der amerikanischen Westküste besitzt einen untrüglichen Riecher für interessante Themen und Projekte jenseits der Genregrenzen. «Zwischen all der Musik, die Kronos jemals aufgeführt hat, gibt es für mich keine Hierarchie, keine Über- und Unterordnung von Kunstmusik und populärer Musik», stellt David Harrington klar, der Gründer des Ensembles. «Ich betrachte Volksmusik nicht in einem abwertenden Sinn. Für mich ist eine Blues-Nummer von Blind Willie Johnson eine ungeheure musikalische Erfahrung. Kann Musik besser sein? Meiner Meinung nach gibt es Beethovens späte Streichquartette auch in anderen musikalischen Gattungen.»

Kronos Quartet & Friends Celebrate Pete Seeger. Long Time Passing (Smithsonian/Folkways).

© NZZ, Feuilleton, 23.12.2020

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