NZZ: Soul spricht über die Gegenwart. Soul sagt die Wahrheit. Das beweisen jetzt Jazmine Sullivan und Celeste
Zahlreiche junge Sängerinnen lassen sich heute von der afroamerikanischen Gesangstradition inspirieren. Es geht ihnen nicht um stilistischen Purismus, sondern um die Auseinandersetzung mit persönlichen Erfahrungen. Von Ueli Bernays
Soul ist eine alte Ausdrucksform. Aber sie bewährt sich immer wieder. Das zeigt sich zum Beispiel bei Jazmine Sullivan. Die Sängerin ist mit einer energischen Stimme gesegnet. Wenn ihr Atemzug aus physischen Tiefen steigt, wenn er seelische Regungen vibrierend auf die vokalen Membranen überträgt, wird ihr Stimmorgan zum Sprachrohr gegenwärtiger Ansprüche, ihr Gesang zum Medium von Euphorie oder Wut.
Das neue Album «Heaux Tales» widmet die 33-jährige Afroamerikanerin den Frauen ihrer Generation, den Frauen überhaupt. Es geht um Selbstermächtigung. «We’re deserving of respect whether we work as a CEO of a company or we’re stripping. It’s about unity», sagt sie. Und der Aufruf zur Gemeinschaft ist kein blosses Lippenbekenntnis.
Viele Sängerinnen verstehen Soul als geradezu demokratische Musikrichtung, in der sie Position ergreifen können mit ihrer Stimme. Und tatsächlich scheint die freiheitliche Tendenz schon in der Form angelegt, die den Raum öffnet für die eigene Phrasierung, den innigen Ausdruck. Dabei muss es nicht immer um dynamische Extreme gehen, es gibt eine Soul-Expressivität jenseits von Inbrunst und Ekstase.
Das beweisen zwei neue, prominente Produktionen aus England. Arlo Parks verbindet afroamerikanische Einflüsse mit Folk und Brit-Pop. Während ihre schönen, temperierten Songs auf «Collapsed in Sunbeams» zuweilen aber eine gewisse Schläfrigkeit verbreiten, sorgt Celeste Epiphany Waite mit ihrer diskreten Ästhetik für mehr Nachdruck und Spannung.
© NZZ, Feuilleton, 9.2.2021