NZZ: Wie ein Exzentriker den Amerikanern die versteckten Wurzeln ihrer Musik freilegte – und damit das ganze Land begeisterte
In den 1950er Jahren lebte der Folk neu auf – angestossen von einer legendären Anthologie, die selbst Bob Dylan beeinflusste. Nun erscheinen die B-Seiten der stilbildenden Aufnahmen. Von Christoph Wagner.

„Diese Platten wurden unsere Bibel.“ So beschrieb der Sänger Dave Van Ronk einst die Wirkung jener drei Doppelalben, die 1952 unter dem Titel „Anthology of American Folk Music“ erschienen waren. Die Folk-Fans waren wie elektrisiert. Die LP-Reihe umfasste eine enorme Bandbreite amerikanischer Volksmusikstile. Von Blues- und Jug-Band-Klängen über Spirituals, Gospels und Sacred-Harp-Hymnen bis zu Cajun- und Hillbilly-Nummern war da alles vertreten. Jetzt erst wurde unter dem Titel „The Harry Smith B-Sides“ eine Zwillingsveröffentlichung herausgebracht, die weitere vier CD umfasst und abermals aufhorchen lässt.
Die „Anthology“, erschienen beim winzigen New Yorker Label Folkways, machte deutlich, wie gross der Schatz Amerikas an authentischen Klängen war. Auf den sechs LP lernten Musikliebhaber die Melodien und Songs des „alten, unheimlichen Amerika“ (Greil Marcus) kennen, einer musikalisch vielfältigen Landschaft, die fernab der grossen Städte pulsierte. Die Plattenserie inspirierte in der Folge viele junge Talente dazu, sich verstärkt diesen Traditionen zuzuwenden. Bob Dylan war nur der prominenteste Singer-Songwriter, der sich vom archaischen Folk begeistern liess.
Various: The Harry Smith B-Sides (Dust-to-Digital).
© NZZ, Feuilleton, 27.1.2021