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„Oh Me Oh My“ von Lonnie Holley „Ganz unten, da wartet Trost“

Lonnie Holley quäkt oder raunzt fantastische Klagelieder zwischen Gesang und Predigt. „Oh Me Oh My“, das neue Album des Künstlers, ist das Dokument einer Erdung. Eine Rezension von Arno Raffeiner.

Man sieht Lonnie Holley selten ohne Draht zwischen den Fingern. Ständig fummelt er daran herum, dreht und biegt das Metall, bis nach und nach das markante Profil einer menschlichen Figur entsteht. Auf Streifzügen durch die Industriebrachen Atlantas sammelt er Schrott und organische Materie. Er montiert sie zu Skulpturen, Assemblagen aus Verkohltem und Verschmortem, Rost und Bast. Lauter gelebte Materie, oft in großer Anstrengung von Menschenhand fabriziert, irgendwann aussortiert, vergessen – dann von Holley aufgelesen und in neuen Sinn verwandelt. Viele dieser Werke sind seit den Achtzigerjahren in die Sammlungen renommierter US-Museen aufgenommen worden, auch im Rosengarten des Weißen Hauses waren sie zu sehen.



Als Musiker braucht Holley dagegen nur ein Werkzeug: sein Mikrofon. Und ab und zu, wenn es zur Abwechslung gerade nichts Schlimmes mehr zu sagen gibt, ein Mellotron. Holleys Methode ist die Improvisation. Er findet das Material für seine Kunst, ebenso wie für seine Texte und Melodien, im Moment, schöpft spontan aus der eigenen Lebensgeschichte, verbunden mit den ewigen Zyklen des Universums. Ein Unterbewusstseinsstrom aus dem amerikanischen Hinterland.

Holley stammt aus dem Süden der USA. Aufgewachsen ist er in Alabama, in Georgia seit Langem zu Hause. Sein erstes Album veröffentlichte er, nach leidlichem Erfolg als Bildender Künstler, mit 62. Elf Jahre später, einen Monat nach seinem 73. Geburtstag, erscheinen nun weitere Fragmente seiner Ad-hoc-Autobiografie. Oh Me Oh My ist die Sorte Album, die ohne Triggerwarnung nicht mehr denkbar ist. Es fallen die Worte „Baumwolle“, „Sklaven“, „Tränen“. Die Menschen in den Liedern, eine regelrechte Prozession aus Verwandten, Schicksalsgefährten und namenlosen Kindern, erscheinen hauptsächlich in einer Haltung: auf ihren Knien.



© ZeitOnline, Kultur, 9.3.2023


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