„Only in America“ von Matthew E. White „Für all die Getöteten“. Von Jakob Biazza
In den USA ist Polizeigewalt nicht nur Alltag, sie ist Teil der Identität – und damit der Musik-DNA. Der Sänger Matthew E. White fügt dem Kanon ein tolles Album hinzu.
Zum Beispiel Walter Scott. Erschossen von hinten, als er vor einem Polizisten in North Charleston, South Carolina weglief. Der Beamte hatte Scott wegen eines defekten Bremslichts aufgehalten. Acht Mal schoss er. Fünf Kugeln trafen.
Zum Beispiel Philando Castile. Anderes Rücklicht, gleicher Wahnsinn. Getötet vor den Augen seiner Freundin und deren Tochter – bei einer Verkehrskontrolle. Die Behörden haben das Video selbst veröffentlicht, kurz nach dem Freispruch des Beamten, der in Panik gerät, als Castile ihm sagt, er habe eine Waffe (und die dazugehörige Genehmigung). Sieben Sekunden dauert es, bis der Polizist seine eigene Waffe gezogen und sieben Mal in den Körper Castiles abgefeuert hat.
Zum Beispiel Sandra Bland. Zum Beispiel Stephon Clark. Zum Beispiel Freddie Gray, Michael Brown, Botham Jean, Corey Jones. Alle haben sie Wikipedia-Einträge, die ihren Tod beschreiben als Resultat von Rassismus, Angst, Überreaktionen, mangelnder Ausbildung oder stumpfem Hass. Und ihnen allen hat Matthew E. White, der fantastische, zumindest hierzulande leider viel zu unbekannte Neo-Soul-Sänger, Produzent und Multiinstrumentalist aus Richmond, Virginia, nun ein Album gewidmet.
© Süddeutsche Zeitung, Kultur, 23.8.2022