„Orchestraler Jazz“ Wenn die Nostalgie dirigiert
In Zeiten politischer und gesellschaftlicher Umbrüche finden Jazzmusiker in symphonischen Grossformaten eine neue Heimat. Das zeigen verschiedene grossorchestrale Jazzproduktionen.
Über e.s.t. Symphony; Andreas Schaerer: The Big Wig; Marius Neset: Snowmelt. Von Stefan Hentz
Frühsommer 2016 in Stockholm: Während draussen ein Nieselregen über der Innenstadt liegt, wimmelt es im Saal des edlen Konserthuset von Menschen – eine knappe Hundertschaft von Musikern aus den Reihen des Royal Stockholm Symphonic Orchestra, dazu eine Handvoll namhafter Jazzsolisten, kein Publikum. Es handelt sich um Aufnahmearbeiten zu «e.s.t. Symphony», um den Versuch, die fragile Trio-Musik des 2008 verstorbenen Pianisten Esbjörn Svensson als symphonisch aufgetakelten Supertanker wiederauferstehen zu lassen.
Geschichte statt Gegenwart
Fast auf den Tag genau acht Jahre nachdem Esbjörn Svensson bei einem Tauchunfall vor Stockholm ums Leben kam, entsteht so eine Aufnahme, die über allerlei Wiedererkennungseffekte hinaus nur noch wenig gemein hat mit dem, was die Musik von e.s.t. besonders machte: Die Intensität der Interaktion im Trio, das Spiel der Improvisation, die Gewissheit, dass auf der Bühne jeder einzelne Ton zählt, dass jeder der drei Akteure, Svensson am Klavier, aber ebenso auch der Bassist Dan Berglund und der Schlagzeuger Magnus Öström, jederzeit den Gang der Musik neu bestimmen konnte – all dies ist bei «e.s.t. Symphony» kein Thema mehr…
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