„Paradoxie aller Zeiterfahrung“ Von Zeitgewinn und Zeitverlust
Von Marlen Stoessel. Die Geschäfts- und Arbeitswelt prägt heute das Motto „Zeit gleich Geld“. Paradox ist: In der digitalen Welt entsteht Zeitgewinn bei gleichzeitigem Zeitverlust. Dabei geht es immer um die quantitive, messbare Zeit. Doch Zeit ist viel mehr als das.
Soziologie und Philosophie, Wirtschaft und Gesellschaft beschäftigt das Thema. Zeit haben, Zeit gewinnen, keine Zeit haben oder Zeit verlieren ‒ ständig tauschen wir uns über dieses Erleben aus wie sonst nur noch über das Wetter.
Nachrichten erreichen uns über räumliche Fernen hinweg nahezu synchron und sind oft im nächsten Augenblick wieder überholt. Ihre Flut tilgt jeglichen Zeitgewinn, verändert oft die Substanz der Mitteilung selbst. Was uns mit den digitalen Hilfen die Arbeit erleichtern, sie also auch beschleunigen oder gar abnehmen soll, kehrt sich immer wieder ins Gegenteil um: Einsparung von Zeit kostet Zeit. Unser kostbares Gut, Zeit, wird gewogen und aufgewogen nicht in Lebensqualität, sondern quantitativ in Algorithmen und Geld. Was aber ist das für ein Gut, dessen Knappheit wir dauernd beklagen oder als Banner vorgeblicher Wichtigkeit vor uns hertragen?
Marleen Stoessel findet Antworten bei Denkern aus Vergangenheit und Gegenwart, von Augustinus bis Hartmut Rosa.
Marleen Stoessel ist promovierte Literaturwissenschaftlerin. Sie arbeitete als Hochschuldozentin, Dramaturgin und Theaterregisseurin und lebt heute als freie Essayistin und Kulturpublizistin in Berlin. Sie veröffentlichte zuletzt das Buch „Lob des Lachens – Eine Schelmengeschichte des Humors“ im Insel Verlag.
© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 22.1.2023