R.I.P. Pharoah Sanders (1940 – 2022)

Mit Pharaoh ist ein ganz großer Saxofonist des Jazz gestorben. Für alle, die mehr über ihn wissen wollen, habe ich hier ein paar Nachrufe zusammengetragen. Danke für deine Musik!


„Harfe spielen auf dem Saxofon“ Wolf Kampmann im Gespräch mit Britta Bürger.

Der Saxofonist Pharoah Sanders gilt als Pionier des Modern Jazz. Er selbst sah sich als spirituelles Medium einer göttlichen Eingebung und wollte lieber Harfe spielen. Nun ist er mit 81 Jahren gestorben.




Der Saxofonist Pharoah Sanders war in den 60er-Jahren eine der Schlüsselfiguren in der Avantgarde-Phase des Modern Jazz. Gemeinsam mit John Coltrane hatte er die ersten Formen des Free Jazz entwickelt. Sanders galt als einer der Begründer des Ethno-Jazz, wobei er den Islam und die spirituellen Traditionen Afrikas oft in seine Arbeiten einbezog und zum Thema seiner Musik machte. Nun ist er im Alter von 81 Jahren in Los Angeles gestorben, wie seine Plattenfirma mitteilt.

© Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 22.9.2022


Eine Vision von universeller Geschwisterlichkeit

Pharoah Sanders spielte mit John und Alice Coltrane, das Aggressive des Free Jazz überführte er ins Spirituelle. Ein Nachruf auf den großen Heiler am Saxofon. Von Jens Balzer.

Dieses Stück ist über ein halbes Jahrhundert alt, aber wenn es man es heute noch einmal auflegt, spricht es sofort in die Gegenwart. Es spricht aus ihm der Schmerz einer verwundeten Existenz und einer traumatisierten Gesellschaft. Aber es spricht aus ihm auch die Ruhe und Größe einer Musik, die diesen Schmerz zu heilen versucht, in der Besinnung auf die Schönheit des Lebens, auf den Reichtum der Kultur und des Geistes und in der Besinnung auf ein Miteinander in Solidarität. The Creator Has a Masterplan heißt diese Hymne, die der Saxofonist Pharoah Sanders im Mai 1969 veröffentlicht hat, ein 20-minütiger Jam auf der A-Seite seines Albums Karma.




© ZeitOnline, Kultur, Musik, 25.9.2022


Der Jazzsaxofonist Pharoah Sanders gehörte zu den Erleuchteten, als Musik noch eine Religion war. Am Samstag ist er 81-jährig gestorben. Von Ueli Bernays.

Vor einem halben Jahrhundert elektrisierte er das Publikum mit hymnischen Klängen. Später beeinflusste er auch Hip-Hop und Elektro.

In den sechziger Jahren war Musik ein religiöses Versprechen. Wer ihre Tiefen ergründete, ihre Höhen erforschte, der konnte durch das Gewächs der Formen und Harmonien hindurch die Freiheit leuchten sehen. Der Prophet dieses Glaubens war der afroamerikanische Saxofonist John Coltrane, der den Jazz durch das Gefüge der Tradition hinaus in ein offenes Feld führte, wo die Kunst keinen Regeln mehr folgen sollte, sondern nur noch dem Gefühl.

Auch Ferell Sanders gehörte damals zu den aufstrebenden jungen Musikern, die sich im Jazz-Mekka New York von Coltranes Mission anstecken liessen. Umso mehr, als er wie dieser Tenorsaxofon spielte. Allerdings meinte es die Welt zunächst nicht sehr gut mit Sanders. Geboren am 13. Oktober 1940 in Little Rock, Arkansas, spielte der Sohn eines Musiklehrers und einer Musiklehrerin erst Klarinette. Später besuchte er das College in Oakland, Kalifornien, wo er Musik studierte und sich in der Bay Area als Saxofonist in Rhythm’n’Blues-Bands über Wasser hielt.



© NZZ, Feuilleton, 25.9.2022


Der letzte Prophet des Saxophons

Musik als heilende Kraft: Was das heißt und warum das möglich ist, konnte man bei Pharoah Sanders spüren. Zum Tod eines unvergleichlichen Jazz-Saxophonisten. Von Peter Kemper.

Am liebsten brachte er sein golden leuchtendes Selmer-Mark-VI-Saxophon als Kultopfer jener Sphäre dar, die sich als grenzenlose Verheißung über unseren alltagsmüden Köpfen erhebt. In immer neuen Anläufen souveräner Selbstverausgabung versuchte Pharoah Sanders mit seinem Instrument die diskursive Grenze sprachlicher Verständigung zu transzendieren und das Individuum als Träger eines gleichsam universellen Prinzips zu rehabilitieren.

1940 als Ferell Sanders in Little Rock, Arkansas, geboren, wuchs er in einem musikalischen Elternhaus auf und freundete sich auf der Highschool zunächst mit der Klarinette an. Für kurze Zeit wurde Benny Goodman sein großes Vorbild. Doch weil ihm der Ton der Klarinette auf Dauer zu „klein“ erschien, stieg er bald auf das Tenorsaxophon um, das er in der lokalen Blues-Szene zum Röhren brachte. Er zog nach Oakland und versuchte sein Glück in Rhythm-&-Blues- und Hard-Bop-Bands der Bay Area von San Francisco. Hier erhielt Sanders auch seinen Spitznamen „Little Rock“, nicht nur wegen seines Geburtsorts, sondern aufgrund der unverrückbaren statuarischen Präsenz in seinem Spiel.



© FAZ, Feuilleton, 25.9.2022

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