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R.I.P. Rolf Kühn (1929 -2022)

Er hat mit Benny Goodman, John Coltrane und Chick Corea gespielt: Rolf Kühn trat mit den Größen des Jazz auf und war selbst doch ein eher stiller Star. Nun ist der in Köln geborene Klarinettist im Alter von 92 Jahren in Berlin gestorben.

„Rolf wird immer als der inspirierende, sanfte, innovative und jung gebliebene Künstler und Mensch in Erinnerung bleiben, der er war“, teilten Kühns Ehefrau Melanie, sein Bruder sowie die Agentur Jazzhaus Artists und das Label Edel/MPS mit. „Er lebte ein erfülltes Leben, das bis zu seinem letzten Tag der Musik, der Kultur und der Freude gewidmet war.“ Kühn starb den Angaben zufolge am 18. August.




Rolf Kühn: Ein Jahrhundert Jazzgeschichte
Der einflussreiche und international gefeierte Klarinettist Rolf Kühn ist gestorben.
Hier erinnert sich seine Biografin an den Ausnahmemusiker.
Von Maxi Broecking

September Song – Kurt Weill schrieb diese lyrische Komposition 1938 über einen alternden Liebenden, der sich im September seines Lebens befindet. Berühmte Adaptionen stammen von Sarah Vaughan, Nat King Cole – und von Rolf Kühn, erschienen auf dem Album Das „Is“ Jazz im Jahr 1956. Ein Jahr später folgt Winner’s Circle, eine Compilation gemeinsamer Sessions von Musikern, die bei einem einflussreichen Kritikerpoll geehrt worden waren. Kühn ist darauf zum ersten Mal gemeinsam mit John Coltrane zu hören, wenn auch nicht im selben Stück. Er ist gerade 28 und kurz zuvor nach New York emigriert.

Als Sohn eines Zirkusartisten wird Kühn 1929 in Köln geboren, ein Septemberkind, das im Leipziger Arbeiterviertel Lindenau aufwächst, wo seine Mutter einen Tabakladen führt. Kühn soll selbst Artist werden und erhält von seinem Vater auf eigenen Wunsch eine Klarinette. Seine bis dahin unbeschwerte Kindheit endet, als in der Reichspogromnacht von 1938 das Geschäft seiner jüdischen Mutter zerstört wird. Er, der bei den Klarinettisten des Leipziger Gewandhaus-Orchesters als Wunderkind gilt, darf als Halbjude nur noch heimlich unterrichtet werden. Der Vater, der sich weigert, seine Frau zu verlassen, erhält Auftrittsverbot und kommt in ein Arbeitslager. Kühn erlebt die Deportation seiner Tanten und Onkel, begleitet von ständiger Angst um die Mutter. Mit 15 übernimmt er erste Jobs, um Geld für die Familie zu verdienen, darunter als Klavierbegleiter sowie Organist und Sargträger bei Beerdigungen. Bomben fallen auf Leipzig, aber der Familie wird, wie allen Juden, der Zugang zu Luftschutzbunkern verwehrt.



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