Release Tipps

Release Tipp: Nate Wooley – Henry House / Ideologic Organ

Diese Veröffentlichung ist ein radikaler Schritt für Nate Wooley. Dieser Zyklus von fünf Stücken, die sich über 80 Minuten erstrecken und ist in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung.

Nate Wooley spielt hier nicht Trompete, obwohl es sein Hauptinstrument ist, und es ist auch kein Free Jazz. Man könnte diese Musik als Traumgeschichte bezeichnen, und es ist eher Neue Musik. Wenn man die Edition Wandelweiser kennt, klingt diese Musik ähnlich, aber sie entzieht sich jeder Beschreibung. Diese Musik ist meist ruhig, fast meditativ, und es werden Texte über die fiktive Figur Henry vorgetragen. Chöre, Fieldrecordings und eine Vielzahl ungewöhnlicher Klänge ergänzen die Musik. Die Frage, wer dieser Henry? Nun, wir haben 80 Minuten Zeit, das herauszufinden, und es ist eine anregende Suche.

Henry House ist ein wiederkehrendes Traumlied. Dieser achtzigminütige, fünfteilige Liederzyklus, der eng gestimmte Instrumente und Sinetone, Techniken der Tonbandmusikbearbeitung, Feldaufnahmen und Gesang kombiniert, ist ein evolutionärer Schritt weg von der Spontaneität der Free-Jazz-/Noise-Ästhetik, die man normalerweise in der Musik von Nate Wooley findet. Henry House erweitert das ekstatische, lang andauernde Werk in Wooleys „Seven Storey Mountain“, einer sechsteiligen Komposition, die in den letzten zehn Jahren von einem Ensemble uraufgeführt wurde, dem heute mehrere Schlagzeuger, Gitarristen, ein 21-köpfiger Chor und der Komponist an der verstärkten Trompete angehören. Aber sein Ritual ist gelassener, natürlicher, langsamer.

Nate Wooley / Foto: Frank_Schemmann

Henry House ist das erste Langformstück, in dem Wooleys Trompete nicht vorkommt. Es ist auch das erste, das um seine poetische Schrift herum aufgebaut ist. Wooley webt eine seltsame Totenmesse für einen fiktiven Jedermann aus isolierten Phrasen, die er aus Essays, Gedichten und Sachbüchern von Wendell Berry, John Berryman, Joseph Mitchell und Reiner Stach entnommen hat. Nachdem er die Fragmente zu einer Traumerzählung geordnet hatte, schrieb Wooley den Text Dutzende Male um und manipulierte die zusammengefügte Geschichte so lange, bis nur noch flüchtige Andeutungen ihrer Quellen übrig blieben.


I.
Acacia, Burnt Myrrh


God bless Henry.
Because he won’t get blessings from me,
only acacia, burnt myrrh, velvet pricky strings
and the ambient flush of being right.


It’s in the beginning that I knew him, or began, at least, to know him.
I’m not so young, but not so very old.
I have begun.
I have had, at least, a beginning.


Henry was not a coward.
He never ran, never flinched or trembled.
He never deserted anything,
and Henry was particular in his stickiness.
He stuck most when pity was wearing away.


Maybe Henry was a human being.


Perhaps who he was deserves more sifting.
I think maybe this is so.
But he was human.
He was an American man.
That’s true.


Henry focused on his own life,
and the more he traced the contours of that life, the more alien its lines appeared.
He drew up plans the way one does to comprehend an imaginary building.
He eliminated the pronoun “I” and spoke of himself in the third person.
Henry the subject became Henry the object.


So maybe Henry was not a human American man after all,
but a place, a form, a thing.
Not one or the other but all separate and simultaneous
He was another
kind
than human.
A structure kind.
An architecture.
A house.

Diese Texte werden zu einer sich langsam entwickelnden Geschichte über Fürsorge und zu viel Fürsorge im Leben. Sie werden von Mat Maneri und Megan Schubert gesprochen und inmitten einer Vielzahl von Instrumenten aufgeführt. Der äußere und der mittlere Satz erforschen die Wechselwirkungen zwischen sich langsam verschiebenden Sinustonfrequenzen und massierten, leicht verstimmten Instrumenten – Vibraphone, Blechblasinstrumente, Klaviere –, um eine warm wabernde harmonische Klangfläche zu erzeugen, die sich unter Maneris Vortrag des Textes wellenförmig bewegt und dreht. Die übrigen Sätze bewegen sich schnell und kombinieren Feldaufnahmen mit harten Schnitten von Schuberts Singstimme, die zu einem massiven, vom Tonband beeinflussten Chor verarbeitet werden, der mit ihren Lesungen durchsetzt ist. © Liner Notes.

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