Release Tipp: Silvia Tarozzi & Deborah Walker – Canti di guerra, di lavoro e d’amore / Unseen Worlds

Dass und wie zeitgenössische Musik und Folklore zusammenpassen, hätte ich vor dem Anhören von Silvia Tarozzi & Deborah Walker nicht glauben können. Und das geht mit „Lieder über Krieg, Arbeit und Liebe“ mehr als Überzeugend!


„Wir arbeiten seit mehreren Jahren an Transkriptionen und Neuinterpretationen traditioneller Volkslieder aus unserer Heimat, der Region Emilia-Romagna in Italien.“(*)

Diese Lieder stammen aus den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts und aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, aber einige von ihnen haben ältere Wurzeln. Die Melodien und vor allem die Texte haben sich im Laufe der Zeit durch mündliche Überlieferung verändert und an verschiedene soziale, berufliche und historischen Kontexte angepasst. Einer der stärksten Einflüsse für unser Projekt ist das Repertoire der Chöre der Reisfeldarbeiterinnen, der „Mondine“, mit ihrer typischen Mehrstimmigkeit und ihrem kraftvollen Gesang.(*)




Die Frauen, die während der Monate der Reisreinigung in Gemeinschaft lebten und arbeiteten, entwickelten ein umfangreiches und vielfältiges Repertoire an Liedern; Die Lieder sind die populären der damaligen Zeit, die jeder kennt, aber es wurden auch neue Strophen und neue Melodien geschaffen, und es entstand ein originelles Repertoire.(*)

Geige, Cello und Stimme werden zu Elementen einer neuen chorischen Polyphonie, in der sie bestimmte Aspekte des Gesangs oder der Struktur traditioneller Lieder hervorheben. Die menschliche und soziale Geschichte dieser Frauen geht uns sehr nahe: Es sind die Geschichten unserer unserer Großmütter, die zu Hause, auf Dorffesten oder in der Schule weitergegeben und gehört wurden, als Frauen und Männer kamen, um den Kindern ihre Kriegserlebnisse und ihr Leben auf den Feldern zu erzählen und vorzusingen.(*)



Heute, immer weiter entfernt von dieser Zeit und von der Chorarbeit auf den Feldern, wollen wir
eine Erinnerung wachrufen, eine Tradition durch eine persönliche Sprache wiederbeleben. Berührt von der evokativen Kraft dieser Frauenstimmen und der Stärke ihrer Lebenserfahrung in der Gemeinschaft, skizzieren wir ein emotionales Territorium, in dem unsere Beziehung zu den geografischen Koordinaten und der Geschichte der Region Emilia mit anderen Klängen, anderen Orten in Resonanz tritt. Zwischen mündlicher und notierter Musik wird die Tradition neu erfunden und transformiert.(*)



„In unserer Musik entstehen die Lieder durch Klänge, die weit von der Tradition entfernt sind und in der zeitgenössischen Musik verwurzelt sind: Musikalischen Experimenten, die Dissonanzen mit melodischen Impulsen abwechseln, Bruitismen mit ungreifbaren harmonischen Klängen.“(*) Texte: UnseenWorlds oder Silvia Tarozzi und Deborah Walker.

Gerade diese Brüche machen für mich Ihre Musik so interessant und spannend. Hier liegt wohl auch der Grund, warum ich diese Lieder anhören kann, was ich im Normalfall kaum mache. Hört euch bitte die beiden Titel „Il bersagliere ha cento penne“ an. In der ersten Version improvisieren beide über das Thema, bevor sie den Text zu singen beginnen. Während in der 2 Version des Titels Andrea Rovacchi als Gast auf der Mbira dazu kommt und das Lied dann ganz andere Farben bekommt. Oder den Titel 2 „La Lega“ den sie zusammen mit dem Chor Le Mondine spielen.

Über die vielen Jahre der Arbeit an diesem Projekt haben Silvia Tarozzi und Deborah Walker einen Weg gefunden, wie sie die „alten Lieder“ in das Heute transformieren können und das geschieht ganz organisch. Ohne Volkstümelei oder anderen Anbiederungen. Das alles hat eine Konsequenz in der Darbietung, vor der ich nur meinen Hut ziehen kann. Faszinierend in allen Belangen!

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