Release Tipps: Wer braucht schon Schubladen-1
Musik von Black Rain, Cortex & Hedvig Mollestad, Taylor Deupree & Zimoun, Diego Bermudez Chamberland, Martyn Bate und Connor D’Netto.
Ich bin sehr überrascht! Wirklich, denn ich hätte nicht gedacht, dass meine Idee mit den Schubladen so ein reges Interesse gefunden hat. Meine Auswahl mag da auch eine Rolle gespielt haben ….
Aber und das ist die Hauptsache: Das Interesse für Musik, die sich nicht einordnen lassen kann, will oder gar nicht, ist groß und das gibt mir wieder einen Ansporn weiter in die Neuheiten hinein zu hören und es weiterzugeben. Viel Spaß mit der neuen Auswahl.
Ich werde zu allen ein paar Sätze verlieren und den Rest überlasse ich euch. Seid versichert, dass auch diese Auswahl nur ein kleiner Teil dessen ist, was tatsächlich vorhanden ist, selbst wenn ich jeden Tag einen Release Tipp schreibe, würde es nicht reichen.
Ein starkes Jazzalbum, das einen extra Tipp verdient hätte. Das Quartett um Thomas Johansson ist hörbar gut aufgelegt und Live legen sie bestimmt noch eine „Schippe drauf“ ;). Jedenfalls gelingt es Hedvig Mollestad sich problemlos in den Gruppensound einzufügen und klingt dann eher wie Terje Rypdal, um auf die Liner Notes zu kommen. Und das passt alles sehr gut zusammen und gefällt mir jedem Hören immer mehr.
Martyn Bates zeigt uns hier seine eigene und sehr persönliche Liederwelt auf. So was höre nicht alle Tage, sehr eigenwillig, atmosphärisch und definitiv was Besonderes.
Mit viel Bedacht und in gemächlichem Tempo entfalteten sich die Kompositionen von Connor D’Netto, gespielt von Jason Noble an der Klarinette und Shannon Luk an der Viola da Gamba. Seine Stücke haben alle einen eigenen Charakter und bleiben im Gedächtnis haften. Und so genieße ich den Zauber seiner Musik. Sehr bemerkenswert.
Die Entstehung des Werks Cartografía interior geht auf den Wunsch zurück, die Fantasiewelt, die meine Jugend geprägt hat, musikalisch zu verwirklichen. Ich hatte schon seit einiger Zeit die Idee, die skandinavische Mythologie durch meine akusmatischen Kompositionen zu erforschen. Als ich jünger war, haben mich meine Lektüren über nordische Folklore und ihre Kosmogonie stark beeindruckt. Die Vielfalt und Weite der Welten, von denen der kosmogonische Mythos erzählt, die Vielfalt seiner Kreaturen, seine unaufhörlichen Kämpfe zwischen den Mächten des Guten und des Bösen faszinierten mich. Ich wollte mir ein groß angelegtes Werk vorstellen, in dem die Sätze einander widerspiegeln.
Es ist wichtig zu betonen, dass das Werk nicht versucht, dieses Universum wörtlich zu materialisieren, sondern vielmehr eine freie und persönliche klangliche Adaption vorschlägt. Das Ergebnis ist eine Musik, die Energie, kontinuierliche und fragmentierte Zeitlichkeit und multiple Räume durch verschiedene Klangfarben und Artikulationen erforscht, anstatt sich auf die Nachahmung oder wörtliche Nachbildung dieses Universums zu konzentrieren. Die großen Themen dieser Mythologie, darunter die Naturkräfte, die unendlichen Weiten und die Dynamik, die durch eine urzeitliche Kosmogonie ausgelöst wurde, finden in diesem Werk eine materielle Entsprechung. Das Klangmaterial ist das Ergebnis verschiedener Experimente, die auf der Hybridisierung von synthetischen Klängen, akustischen Instrumenten, Tonaufnahmen von Naturmaterialien sowie einer Reihe von Transformationen mittels digitaler Audiobearbeitung basieren. © Texte: Diego Bermudez Chamberland
Gletscher prallen aufeinander, Eis und Schnee fliegen umher und in den Wäldern ist der Teufel los. Wir können die Gedanken von Diego Bermudez Chamberland zu seinem Projekt lesen, doch die Räume, die er erschaffen hat, müssen wir selbst mit unseren Assoziationen füllen. Das ist überwältigend und Kopfkino vom Allerfeinsten!
Hier handelt es sich um lupenreine, tanzbare elektronische Musik mit technohaften Anklängen. Das hätte ich auf Room40 so nicht erwartet. Je lauter man sie anhört, desto besser kommt sie zur Geltung.
Das darf eine Gewohnheit werden: Schubladenübergreifende, Schubladenignorierende Musik. Prima. Vielen Dank. Gerne mehr davon.