„schallarchiv – eine trilogie“ Hörspielcollage über die Geschichte der Aufnahmetechnik / Alle Teile
Von Ulrich Bassenge und Bernhard Jugel. Hörspiel des Monats Oktober 2003. Über eine Suche wurde mir bewusst, dass gar nicht alle Teile online waren. Was ich hiermit nachgeholt habe. Viel Spass mit den 3’en.
Aus der Begründung der Jury: „Ulrich Bassenge und Bernhard Jugel haben unterschiedlichste Tonaufnahmen, die aus Radioarchiven und anderen Quellen stammen, zu einer großen, postmodern inspirierten Collage über die Reproduzierbarkeit von Tönen und das dazu nötige Medium, den Tonträger, montiert. Dieser ‚Gang durch die Tonarchive der Menschheit‘, wie sie ihn nennen, verzichtet auf eine übergeordnete inhaltliche Aussage zugunsten einer umfassenden Zeugenschaft im Detail. Das ausgewählte Material wurde lediglich vorstrukturiert, rhythmisiert und zum Teil spielerisch zueinander in Bezug gesetzt. Entstanden ist ein dichtes, oft heiteres Werk, das den Hörer gedanklich und sinnlich bereichert…“ Hörspiel des Monats Oktober 2003
Teil 1: rolling-laeuft.
So werde ich zu dir sprechen jederzeit, wenn du mich rufst …” (Adolph Rechenberg 1899) „Recordare” heißt: wieder ins Herz zurückführen. In der Geschichte der Aufnahme zeigt sich die soziokulturelle Bedeutung scheinbarer Nebensachen. Im wilhelminischen Reich sprach man mit Stentorstimme auf den Zylinder – kein Zufall, auch wenn dieser kaiserliche Tonfall sich aus der Unzulänglichkeit des Aufnahmeverfahrens ergab. Wer zu leise war, ging im Rauschen des Wachsens unter. Die elektrische Verstärkung wurde erst 1928 erfunden. Was als Kinderspiel begann – „Mary had a little lamb” – trällerte Edison auf seinen ersten Zylinder – trug in sich den Kern einer neuen Unterhaltungsindustrie.
In gemieteten Hotelzimmern, später in eigenen Aufnahmestudios, ging es zur Sache: Talent wurde verwertet, Matrizen geschnitten, Musik kommerzialisiert. Der heilige Moment des „first take” indes offenbart sich heute, im Zeitalter der Reissues als Mythos – die reichlich zutage gekommenen Fehlstarts und Studio-Schnipsel verraten es.
Erheiternd, gelegentlich ernüchternd, ist es, was Menschen vor Mikrofonen alles tun. Wir werden Zeugen des Privaten, ungewollt. Nicht zuletzt erzählen Aufnahmen von der Demokratisierung des Aufnahmeprozesses und der Produktionsmittel. Das Uher-Tonbandgerät ermöglichte in den 60er-Jahren ein neues Familienvergnügen: das tönende Tagebuch. Unzählige Archive des Alltags entstanden. Im selben Jahrzehnt suchten Tonbandstimmenforscher wie der notorische Konstantin Raudive den Gottesbeweis auf Magnetophonband.
Diese verlorenen Stimmen schließen den Kreis zum magischen Glauben der Epensänger im Balkan, die ihre Stimme in den Aufnahmekästen der Feldforscher gefangen wähnten. Hatte Homer ein Diktafon? Band läuft.
Teil 2: radio-daze
„Radio war ein nächtliches Ereignis. Es hatte etwas angenehm Gefährliches, etwas zart Unerlaubtes.“ (Ror Wolf 1988) Die Aufnahme führt unweigerlich zur Sendung, wie das Sprechen zum Hören führt. Oder war es umgekehrt? Die Archive wollten klingen. Der Rundfunk wollte senden. So passte es zusammen. Es fanden sich Hörer. Am Anfang bezahlten Werbefirmen das Programm: Bier-, Mehl- und Seifenfabrikanten finanzierten „radio shows“. Es entstanden Seifenopern, es gab Live-Musik, es wuchsen lokale, nationale, internationale, globale Stars. Der Futurist Velimir Chlebnikov sah das Radio der Zukunft als Instrument totalitärer Machtfantasien auf nationaler Basis. Er behielt Recht. Das Radio bot: Unterhaltung, Information, Bildung. Das Radio spielte: den Soundtrack zu Revolution, Restauration, Revision. Das Radio war: Begleitung, Lehrer, Fahrzeug, Droge. Das Radio ermöglichte neue Kunstformen: Hörspiele, Sportreportagen, Radiokompositionen. Die Sendung als Sendung, die Emission als Mission, Erweckung und Exorzismus. Die körperlose Stimme des Apparates spricht zu uns aus der Dunkelheit – ist es wirklich die Stimme eines Freundes? Pannen, Pausen, Sendelöcher: alles war möglich im Radio – und vor dem Radio: tanzen, lieben, lauschen. Man wurde erwachsen vor dem Radio. Man war allein vor dem Radio. Man saß gebannt vor dem Radio. Es blieb Magie, so wie das kleine grüne Auge – hat es geblinzelt oder nicht? Diese Tage sind fast vorbei. Ein Epitaph für das Radio, so wie es manche schon nicht mehr kennen. Ob Röhre oder Transistor, ob Kofferradio oder Schneewittchensarg, ob Bakelit, Holz oder Metall – es bleibt unser liebstes Massenmedium. „Jetzt kommt unsere Sendung!“ (Kinderfunkansage der Fünfziger Jahre)
http://xb4160.xb4.serverdomain.org/Musik/schallarchiv-eine-trilogie-2-radio-daze.mp3
Teil 3: record-test
„record test” rückt Spezialitäten und Mängel der Archivmedien in den Vordergrund. Tonträger von Beginn der Tonaufzeichnung bis in die digitale Gegenwart – die in Gestalt von realaudio- und mp3-Files wieder in die klangliche Verschlechterung führen – liefern das Material.
Wie rauscht ein Zylinder? Wie kracht eine Schellackplatte? Wie knistert eine Vinyl-LP? Wie springt eine CD? Wie verzerrt ein MP3-File? Wie kollabiert eine Festplatte?
Künstler bearbeiten diese Medien weiter, kultivieren Schwächen und überhöhen Fehlfunktionen. 1966 erfand Milan Knizak in Prag Broken Music aus hängendem, brechendem, vergipstem, übermaltem, schmelzendem, brennendem, kurz: gepeinigtem Vinyl. Hip-Hop wandelte unwissentlich auf den Spuren dieses grausamen Plattentesters.
Eine ähnliche Ästhetik führte mit digitalen clicks and cuts zu Gebilden von fragiler Schönheit oder brachialem Lärm. Schläft ein Lärm in allen Dingen: Rollen, Zylinder, Scheiben, Platten, Folien, Filme, Bänder – aus Hart- und Weichwachs, Draht, Schellack, Metall, Schokolade, Vinyl, Kunststoff, Papier und Metallspänen – machen ihre eigenen Geräusche.
Als kryptische Träger unleserlicher Schrift bergen sie in kristalliner Form das Wissen der Welt, nicht ohne dabei selbst zu klingen. Zum Fetisch schließlich wird das Material in der konkreten Poesie der Hi-Fi-Testplatten erhoben: In Mono-, Stereo- und Quadrophonie wird die Schallplatte als solche gefeiert. Hier spannt sich ein Bogen zurück zu den ersten Aufnahmen der Geschichte, auf denen Sprecher die Platte als Platte priesen. „Wo gehen wir hin? … Nicht so neugierig, kleiner Piccolo! Zuerst einmal auf die andre Seite der Platte.” (Andre Popp: „Piccolo, Sax und Co.” 1957)
http://xb4160.xb4.serverdomain.org/Musik/schallarchiv–eine-trilogie-3record-test.mp3
schallarchiv – eine trilogie
Von Ulrich Bassenge und Bernhard Jugel
Realisation: die Autoren
mit O-Tönen von: Elvis Presley, Charlie Parker, Johnny Cash, Spike Jones, William S. Burroughs, Albert Einstein, Orson Welles, Petula Clark, Led Zeppelin, Thomas Mann, John Cage, Hermann-Löns-Band, Groucho Marx, Jim Reeves u.v.a.
Technische Realisierung: Hans Scheck, Adele Kurdziel
Regieassistenz: Martin Trauner
Produktion: BR 2003
© Deutschlandfunk, Hörspiel, 9.3.2021