„Schöner fremder Klang“ von Claus Schreiner
Als sich mit fremder Musik Geld verdienen ließ. Claus Schreiner erzählt in drei Bänden, „wie exotische Kultur nach Deutschland kam“. Von Stefan Michalzik.
Vor dem Hintergrund der Industrialisierung haben sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die Kultur und ihre Vermarktung neue Wege erschlossen, schreibt Claus Schreiner zu Beginn seines Buchs „Schöner fremder Klang – Wie exotische Kultur nach Deutschland kam“: „Auf einmal lassen sich Kultur und Unterhaltung kommerzialisieren.“ Rund 1900 Seiten in drei Bänden, ein Reichtum an Aspekten – es handelt sich um einen umfassenden Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte, fast schon um ein Standardwerk.
Die Anfänge mit „Völkerschauen“ im Kaiserreich waren von einem deutlich rassistisch-kolonialistischen Blick geprägt. Um die Wende zum 20. Jahrhundert gelangten Tänze und Rhythmen wie Cakewalk, Ragtime, Jazz und Charleston auf der Achse Paris – Berlin nach Deutschland, Zeugnisse einer damals noch jungen afroamerikanischen Unterhaltungsmusik.
Zu dem Terminus „kulturelle Aneignung“, einem Schlagwort im gegenwärtigen Diskurs, hält Claus Schreiner, Jahrgang 1943, Musikpublizist wie auch Gründer des Marburger Verlags und Labels „Tropical Music“, Distanz. Zum „Gegenbeweis wider ein erbsenzählerisches Obduzieren“, polemisiert er, wolle er Querverbindungen zwischen den Kontinenten aufzeigen. Dabei kehrt er seriöserweise auch die wirtschaftlichen Aspekte des Themas nicht unter den Tisch. Nach wie vor hat die traditionelle Musik nach internationalem Urheberrecht einen Status als „Public Domain“, als ungeschützte und „klaufähige“ Folklore – jeder kann die Melodie eines Volksliedes nehmen und sich auch bei nur geringfügiger Bearbeitung als Urheber oder Urheberin eintragen lassen – und kassieren.
© Frankfurter Rundschau, Kultur, 3.3.2023