„Schwebende Schädel“ Die verrätselten Texte der Londoner Post-Punk-Band Dry Cleaning sind besser als ihre reibungslose Musik.
Es lohnt sich manchmal, die Produkte der Popkultur nicht so zu konsumieren, wie es vorgesehen war. Das gilt zum Beispiel für die Musik der britischen Band Dry Cleaning, deren kürzlich erschienenes Debütalbum »New Long Leg« derzeit hochgelobt wird. Es ist ein Album, bei dem sich die Frage stellt, ob das wirklich Interessante daran vielleicht nicht die Musik ist. Die Texte auf dem Debütalbum von Dry Cleaning sind radikal. Von Philipp Böhm
Dry Cleaning spielen Post-Punk – mit Betonung auf »Post«. Und vermutlich könnte man, wäre man an Genre-Ausdifferenzierungen interessiert, noch irgendein weiteres Präfix anhängen, vielleicht irgendetwas in Richtung »distanziert« oder »organisiert«. Denn weder drängt sich die Musik von Dry Cleaning auf, noch überrascht sie: Der Schlagzeuger Nick Buxton spielt mit der Präzision desjenigen, der niemals die Fassung verlieren wird. Der Bass von Lewis Maynard ist vielleicht fesselnd, aber niemals hypnotisch; er weiß zu genau um den Effekt, den er erzielt. Dasselbe gilt auch für die wohltemperierten Dissonanzen des Gitarrenspiels von Tom Dowse, der zwar ein bisschen vor sich hinschrammelt, aber die unterschwellige Aggression niemals explodieren lässt.
Das Phänomen lässt sich aber auch von der anderen Seite betrachten: als Angleichung an vom Einzelnen empfundene Ohnmacht in einer Welt, die kaum mehr ist als die Infrastruktur toter Arbeit. Dry Cleaning gehen diesen Weg glücklicherweise nicht zu Ende und bleiben stattdessen bei einem ständig aufs Neue artikulierten Misstrauen gegen die Sprache als Konvention, oder: gegen die Konvention, in die die Sprache immer wieder gezwängt wird.
© JungleWorld, Dschungel, 12.5.2021