„Sehen als Verbrechen. Sehen als Erlösung“ Eine Hommage an den italienischen Regisseur Pier Paolo Pasolini zum 100. Geburtstag

Der am 5. März 1922 geborene Pier Paolo Pasolini entdeckte in den 1960er-Jahren das Medium Film für sich; seine frühen Arbeiten zeigen in ihren Sujets noch eine Verwandtschaft zum Neorealismus. Doch Pasolini entwickelte sich bald zu einem Monolithen des europäischen Autorenkinos. Die Spannung zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit, Profanem und Transzendem durchzieht sein Werk. Eine Hommage zum 100. Geburtstag. Von Patrick Holzapfel.

„Ich habe aufgrund meiner persönlichen Lebensweise, aufgrund meiner Entscheidung darüber, wie ich meine Tage verbringe und wie ich meine Vitalität und meine Gefühle einsetze, schon als Junge die bürgerliche Lebensweise (für die ich vorbestimmt war) verraten. Ich habe jede Norm und jede Grenze überschritten.“

(aus: Freibeuterschriften von Pier Paolo Pasolini)

Wo beginnen, wo enden? Mit der Wut, „la rabbia, dem ewigen Aufbegehren, dem Sich-zur-Wehr-Setzen, so unstillbar und vital and lange über seinen Tod hinaus anhaltend in und durch Pier Paolo Pasolini. Sein filmisches, prosaisches, lyrisches, theoretisches, malerisches Werk schäumt geradezu über vor Ärger. Sich heute mit Pasolini zu befassen, heißt auch die Empörung in sich selbst suchen. Gibt es dafür noch Luft in einer von oberflächlichen Massenempörungen dominierten Kulturlandschaft? Gibt es da noch Platz für einen Künstler, der gerade in Identitätszuschreibungen und lebensverneinenden Abwehrhaltungen ein Versagen des bürgerlichen Italiens festmachte? Gibt es in einer Welt, die in Mäßigung und Normierung Tugenden sieht, noch Gehör für einen, der die Grenzen des Sag- und Zeigbaren auslotete? Wann hat es all das überhaupt gegeben?



© Filmdienst, 4.3.2022

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