Soundexpedition 2/22 „Elektronische Spielarten“ Mit The Leaf Library + Teruyuki Kurihara, Furtherset, David Lee Myers und Alessandro Chemie.

Auch elektronische Musik findet immer wieder den Weg zu mir, meine Favoriten und Neuentdeckungen daraus möchte ich Euch vorstellen.


The Leaf Library + Teruyuki Kurihara – Melody Tomb / Mille Plateaux

„Vom ersten Moment an, als wir Terus Musik hörten, wussten wir, dass wir etwas mit ihm machen wollten“, sagt die The Leaf Library. „Es war ein solches Vergnügen zu sehen, wie er unsere minimalen Synthesizer-Parts in etwas wirklich Seltsames und Schönes verwandelt.

Die neun Tracks hier haben ein metallisches Grollen und eine minimale, strenge Schönheit, die an Terus Arbeit auf seinem 2020er Frozen Dust-Album (Mille Plateaux) erinnert. Maschinentöne mischen sich mit statischem, Rauschen und warmen Drones, während an anderen Stellen die Wurzeln der klassischen verstümmelter Warp-Hardware hörbar ist.


The Leaf Library

The Leaf Library ist eine Band aus dem Norden Londons, die experimentelle träumerische Musik, die auf Schichten von klingenden Gitarren, pulsierender Elektronik, Lärm und Looping-Drones. Sie haben drei Studioalben (Daylight Versions, About Minerals und The World Is A Bell) über Where It’s At Is Where You Are, sowie eine Reihe von elektronischen und experimentellen Alben und EPs, Remix-Compilations und Longform-Tracks.

Teruyuki Kurihara

Teruyuki Kurihara ist ein Musikproduzent und Künstler aus Japan, der 1979 geboren. Er startete sein elektronisches Soloprojekt Cherry im Jahr 2007, nachdem er in einigen Bands gespielt hatte. Die Alex EP wurde 2009 vom Label Four: Twenty Label mit Sitz in Bristol veröffentlicht. Er hat weitere Musik auf einer Reihe von Labels im In- und Ausland veröffentlicht (darunter Blue Tapes und Organic Industries) 2020 veröffentlichte er „Frozen Dust“, ein komplettes Album auf Mille Plateaux, das von der Natur inspiriert ist, insbesondere von den Zyklen der „Zerstörung und Schöpfung“; geprägt von industrieller und experimenteller Musik in minimalistischer Form. © Texte: Mille Plateaux


Normalerweise würde ich mir die Musik von The Leaf Library nicht anhören, das ist nicht mein Ding. Teruyuki Kurihara wäre da schon eher mein Fall. Macht Euch die Mühe und hört in die letzten Veröffentlichungen von Teruyuki Kurihara und The Leaf Library mal rein. Erst dann kann man verstehen, was in dieser Zusammenarbeit an Neuem entstanden ist und wie sich die Musik beider verwandelt hat. Anklänge an Autechre aus ihrer Anfangszeit sind da zu hören. Aber auch andere Anklänge lassen sich ausmachen, wenn man will. Das spielt aber für mich keine Rolle. In den Linernotes wird von einer möglichen weiteren Zusammenarbeit gesprochen. Ich mag die Brüche in ihrer Musik, da wird es für mich spannend. Es bleibt eine hörenswerte elektronische Musik, die auch für Neulinge und offenen Ohren geeignet ist.


Furtherset – Auras / OUS

Furtherset ist das musikalische Projekt des italienischen Musikers und Künstlers Tommaso Pandol – Abschlussjahrgang 1995. Seine Musik ist eine offene Einladung, in einen schwerelosen Zustand des Geistes einzutauchen.

Tommaso Pandol aka Furtherset

„Auras“ beginnt mit dem sanften Treiben von Funken und Erschütterungen und geht über in fein gearbeitete, desintegrative Klangströme, bevor es ein Gefühl von erhöhter Körperlichkeit aufrechterhält und sich nach außen hin ausdehnt, um nach dem Jenseits zu greifen. Furtherset entwickelt neue Kompositionen mit der Denkweise eines Schriftstellers, der sich der leeren Seite eines neuen Buches nähert. Artikulationen tauchen auf, zunächst kurz, dann entwickeln sie sich zu Wörtern, dann zu Sätzen, und schließlich entsteht eine fesselnde Geschichte.

Rhythmen gehen in Melodien über, Obertöne fügen sich fast unmerklich hinzu und schaffen ein reichhaltiges Filigran an Klängen. „Auras“ ist ein spiralförmiges Werk aus Glitch und Slippage, aus Surge und Overload, aus Stille und Suspension. © Text: OUS



Es ist immer wieder spannend zu lesen, was in den Linernotes für „blumige“ musikalische Beschreibungen stehen. Das wäre schon ein eigenen Beitrag wert. Ich mag seine Musik schon lange. Sie ist klug gebaut und hat einen wirklich guten und treibenden Puls, der mich immer wieder zu mehr Lautstärke verführt. Was wiederum meine Nachbarn in den Wahnsinn treibt. Also passt auf die Lautstärke auf, wenn Ihr seine Musik hört.



David Lee Myers – Lustre / Pulsewidth

David Lee Myers ist Produzent/Künstler bei Pulsewidth recordings. Seit 1980 stehen die Klänge von Feedback und elektronischem Lärm im Mittelpunkt von Pulsewidth. Mehr als vierzig Alben, die von beruhigendem Ambient bis zu knirschender Kakophonie reichen, wurden von ReR, Starkland, Silent, RRRecords, Generator, Cronica, Staalplaat, Line, Pogus, Korm Plastics, Monochrome Vision und anderen Labels veröffentlicht.


„Myers‘ zweite Veröffentlichung aus dem Jahr 2022 macht mehr oder weniger genau da weiter, wo die vorherige Intervals/Interludes aufgehört hat, und erforscht den Umfang atmosphärischer Entladungen und wandernder Soundscapes mit einer Lebendigkeit, die nur wenige seiner Kollegen besitzen. Während viele „Ambient“-Musiker die oft monotone Allgegenwart formloser Drones bevorzugen und sich mit der Sample-and-Hold-Mentalität begnügen, die eine Million fader Klangklone hervorgebracht hat, meidet Myers nicht nur solche simplen Impulse, sondern schwelgt stattdessen völlig darin, sich mit seinen unzähligen Geräten in den Dreck zu werfen. Klänge verschieben sich nicht nur über das Stereospektrum, sondern mutieren und rekombinieren direkt vor Ihren Augen/Ohren, Tracks verlaufen nicht so, wie Sie es erwarten, und, was vielleicht noch bezeichnender ist, Myers hat immer einen oder zwei Tricks im Ärmel; es gibt immer etwas Überraschendes, das hinter der Kurve lauert und darauf wartet, den auditiven Apfelkarren umzuwerfen…. Dramatik, die mit Launenhaftigkeit wetteifert, prägt den Großteil dieses verwirrenden, eigenwilligen und äußerst fesselnden Ausflugs, der reines Manna für die Ohren ist.“

 Darren Bergstein, Downtown Music Gallery (NYC)


Ich gebe es ehrlich zu, ich kannte David Lee Myers nicht. Und deshalb greife ich auch gern auf den hervorragenden Text von Darren Bergstein zurück. Besser kann man die Musik von David Lee Meyers nicht beschreiben, was an sich schon eine Kunst ist. Für mich eine schöne Entdeckung, welche ich gern an Euch weitergebe und wo ich gern den Rest mir anhören werde. Naja, bei gut 40 Veröffentlichungen, bleibt es wohl beim reinhören 😉


Alessandro Chemie – Uncertainty / Elli Records


Uncertainty wurde mit einem 12U eurorack Modularsynthesizer als Klangquelle produziert und bezieht sein Kernkonzept aus der Quantenphysik. Alle Tracks enthalten zufällige Sequenzen, die durch einen Turing-Maschinen-ähnlichen Ansatz erzeugt werden, die dann in Schleifen aufgezeichnet und manipuliert werden.

Die Kommunikation zwischen den Eurorack-Modulen wird durch Elektrizität ermöglicht, die als Bewegung geladener Teilchen (Elektronen) definiert werden kann. Aber welches physikalische Gesetz steckt hinter dieser Idee der Bewegung?

Die Unschärferelation (Heisenberg, 1927) besagt, dass es nicht möglich ist, sowohl die Position als auch die Geschwindigkeit eines Teilchens (Elektron) zur gleichen Zeit mit der gleichen Genauigkeit zu bestimmen.

Die Dimension des Klangs lässt uns in eine Quantenumgebung eintauchen. Die Musik wird zum Ausdruck der UNSCHULDIGKEIT. © Text: Elli Records


Alessandro Chemie

Alessandro Chemie ist Chemiker mit mehr als 15 Jahren Erfahrung sowohl mit Molekülen als auch mit Klangsynthese. Er betrachtet das modulare System Eurorack eher als eine Erweiterung seines Verstandes denn als Musikinstrument.

Die Erforschung der Materie, die er während seines Universitätsstudiums in den frühen 2000er Jahren begann, führte ihn zur Klangsynthese. Der Wunsch, neue Wege des Experimentierens jenseits des Labors zu finden, begann seine Arbeit mit Synthesizern.

Nach einer langen Reise zwischen Detroit Techno (Chemie), Power Electronics (schlechte Chemie) und Live-Improvisation (Psalm 7:5) veröffentlicht er mit Elli sein erstes Album unter dem neuen Namen Alessandro Chemie, das sich der modularen Synthese widmet. Auch Video- und Lichtdesign werden derzeit im Eurorack-Umfeld erforscht.

Er trat unter anderem auf der Manifesta 13 Marseille, dem Tresor Berlin, dem Varvara Festival, dem Zasavje Noisefest International, dem Drugstore Belgrad, dem Macao Mailand und der Astron Bar Athen auf. © Text: Elli Records



Die elektronische Musik von Alexandro Chemie ist im Vergleich zu den anderen Musiker etwas komplett anderes. Stellenweise wird man von seinen Klangkaskaden überrannt, das ist mitunter ziemlich brutal. Kraftvolle und komplexe Sounds, glockenähnliche Klänge, dann wieder Sounds die an ein Akkordeon erinnern. So viele Assoziationen, die dann letztlich aus den elektronischen Geräten entstammen, mit welchen Alexandro wirklich erstaunliche Sounds zu kreieren vermag. Zum Schluss die wirklich erstaunlichste Entdeckung, die ich beim Anhören der neuen Veröffentlichungen von elektronischer Musik machen konnte.

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