Soundexpeditionen 6/21 „Mehr Klassik bitte! ;)“ Mit Musik von Klaus Lang, Tomasz Sroczynski und Lucy Railton & Kit Downes.

Ich gebe zu, ich fühle mich etwas unsicher. Vielleicht liegt es daran, dass ich diese Musik sehr schätze.

Einiges was ich täglich höre, hat weit mehr mit zeitgenössischer Musik zu tun, als mit Jazz oder anderer Musik. Ob das Klassik ist was ihr hier hören werdet, müsst ihr selbst entscheiden. Eigentlich halte ich mich lieber in den Grenzgebieten auf, schon weil ich immer auf Entdeckungen hoffe. In dem Erkunden der Musik für diesen Beitrag musste ich feststellen, das ich Lucy Railton sträflich vernachlässigt habe.

Konus Quartett & Klaus Lang – Drei Allmenden / CD Cubus Records CR376


„Musik entsteht im Moment ihres Erklingens als eine feine Mischung aus
Bestimmtheit und Freiheit durch ein Amalgam aus Vorgefertigtem und dem Spontanen. Es geht darum, ein Gleichgewicht zu schaffen, das letztlich einem Zweck dient: der Offenlegung der verborgenen Qualitäten und der Schönheit des Klangs“.

Klaus Lang

Klaus Lang

Seit 2007 ist Klaus Lang als Komponist tätig und hat sich in dieser Zeit einen herausragenden Ruf erarbeitet. Seine Arbeiten begegnen mir immer wieder. Seine Komposition „tönendes licht“ bei Wien Modern 2020 hat bei mir einen sehr nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Und so möchte ich Euch jetzt die „Drei Allmenden“
vorstellen, verbunden mit der Hoffnung, dass er bei Euch auf offene Ohren trifft. Für den Einstieg in die tönende Welt von Klaus Lang, in der es sehr viel um Zeit geht, bietet eine Sendung von Reinhard Karger „Filigrane Beharrlichkeit“ von 2019 in der wunderbaren Sendereihe „Neue Musik“ auf Deutschlandfunk Kultur. Besser kann man in die Musik von Klaus Lang nicht eintauchen.



Klaus Lang wurde 1971 in Graz geboren und lebt als freischaffender Komponist und Organist in Steirisch-Lassnitz. Er studierte Komposition, Musiktheorie und Orgel an der Musikhochschule in Graz, zu seinen Lehrern zählten u. a. Hermann Markus Preßl, Beat Furrer und Younghi Pagh Paan.

Klaus Lang erhielt Kompositionsaufträge von zahlreichen renommierten Festivals für neue Musik wie steirischer herbst, Wien Modern, IMD Darmstadt, Eclat Stuttgart, Maerzmusik Berlin, Osterklang Innsbruck, Tage zeitgemäßer Musik Bludenz, Musikmonat Basel, Takefu Festival (Japan), Lucerne Festival und Wittener Tage für neue Kammermusik. Musiktheaterarbeiten schrieb er u. a. für die Oper Bonn, das Tiroler Landestheater, das Hebbeltheater Berlin, das Theater Aachen und die Münchener Biennale. Ensembles wie das Klangforum Wien, das Arditti Quartett, das ensemble intercontemporain, das Ensemble die reihe, die Chöre des WDR und des SWR sowie das Grazer Orchester recreation und viele andere haben Werke Klaus Langs aufgeführt.

Neben seiner Tätigkeit als Komponist tritt er als Organist mit alter, neuer und improvisierter Musik auf und veröffentlichte bisher zahlreiche Artikel in Musikzeitschriften.



Recorded in August 2020
Mix and Mastering at Tonlabor by Fabio Oehrli, Switzerland
Design and Layout: Muriel Flückiger
Produced 2021 by Cubus Records, Bern and Konus Quartett


„Im Verlauf der Musikgeschichte wurden die Partituren immer genauer. Je größer das Ego des Komponisten wurde, je mehr er sich in der Rolle des Künstlergenies sah, und je mehr der Kontrapunkt ersetzt wurde durch den Gefühlsausdruck, desto detailgenauer wurden die Partituren. Alle Aspekte der Musik und deren Ausführung sollten unter die präzise Kontrolle des genialen Komponisten kommen und möglichst vollständig in der Partitur festgehalten werden. Gleichzeitig wurde die bis dahin selbstverständliche Einheit von Musiker und Komponist langsam aufgelöst und mit dem Verbot der “entarteten” Musik im 20. Jahrhundert, einerseits die Verbindung zwischen Komponisten und Interpreten vollständig gekappt und andererseits ein Kanon geschaffen, der sich seit 70 Jahren unverändert im Kreis dreht. Durch die Verbannung der lebenden Komponisten aus dem Mainstream Musikleben in kleine Nischen, wurden im Musikbetrieb der großen Konzert- und Opernhäuser und der Musikhochschulen, die Reliquien der toten Komponisten, nämlich deren Partituren, zu Objekten quasi kultischer Verehrung. Die Einführung, Übertragung und Anwendung des protestantischen “sola scriptura” Prinzips von der Religion auf die Musik führte zu Erscheinungen wie der historischen Aufführungspraxis und Urtext ausgaben: Die Partituren wurden sozusagen heiliggesprochen, die Musiker gleichen Priestern und Theologen. Aber ist eine Partitur wirklich schon die Musik? Wo ist die Musik? Ist sie im Kopf des Komponisten? Ist sie in der Partitur, im Konzert, im Kopf der Hörer? Die Zusammenarbeit mit dem Konus Saxophonquartett wie auch andere Arbeiten von mir knüpfen auch in diesem Sinne mehr an den Partituren des 16. und 17. Jahrhunderts an: Viele dieser Partituren sind sehr einfach und klar, rechnen aber mit Musikern, die durch ihre Fähigkeiten der Diminuition und Figuration dem notierten Gerüst während der Aufführung klanglichen Glanz verleihen oder die aus ein paar Ziffern der Generalbassnotation einen rauschenden Klangteppich hervorzuzaubern imstande sind. Doch hier gilt: je klarer strukturiert und organisiert die grundlegende Struktur ist, desto mehr Freiheit gibt es für den Spieler im Augenblick der Aufführung.“ Klaus Lang


Tomasz Sroczyński – Symphony n°2 / Highlander // Mind Travels Series


Er wurde am 25. Dezember 1987 in Radomsko geboren und lebt heute in den polnischen Bergen bei Babia Góra, pendelt sein Werk, das auf Werk, das auf Improvisation basiert, oszilliert zwischen zeitgenössischer und elektronischer Musik. Er hat bereits mit vielen talentierten polnischen Künstlern zusammengearbeitet mit vielen talentierten polnischen Künstlern zusammengearbeitet: dem Klarinettisten Jerzy Mazzoll, mit dem Tomasz Sroczynski an einer improvisierten Version von Strawinskys „Frühlingsopfer“ arbeitete. Der Saxophonist Marek Pospieszalski, mit dem er das Album Bareness aufgenommen hat. Und vor allem Jacek Sienkiewicz, eine der Schlüsselfiguren der polnischen elektronischen Musik, der auch der Gründer von Recognition Records, einem Label, das auch zwei Alben von Tomasz Sroczynski produziert hat.© Labeltext



Auf einer polnischen Seite habe ich folgende Informationen über Tomasz Sroczynski gefunden:

Produzent, Komponist und Instrumentalist, tätig in den Bereichen zeitgenössische Musik, Folk und elektronische Musik. Als Geiger ist er in der Lage, ein großes Kammerensemble zu ersetzen und mithilfe eines Harmonizers und einer Reihe von Effekten unbegrenzte und unvorhersehbare Klangwände zu schaffen. Eines der wesentlichen Elemente seiner Spielweise ist die Improvisation. Als Komponist schafft er viele Stücke, deren musikalische Bandbreite kaum vorhersehbar ist.

Im Laufe der Jahre hat er mit vielen Künstlern aus der Off-, Experimental-, Elektronik- und Popszene zusammengearbeitet. Im Jahr 2012 veröffentlichten sie in Zusammenarbeit mit dem Duo Chmara Winter eine EP mit dem Titel „F me“ bei Pets Recordings, während im Februar 2013 sein Album „A GIRL WITH NO HEART“ mit der Sängerin Ewa Prus bei einem bekannten Label von Jacek Sienkiewicz – Recognition Records – erschien.


Foto: Małgorzta Taraszkiewicz

Eine Sinfonie im 21. Jahrhundert? Das ist schon eine gewagte Sache. Zumal es hier kein Orchester oder dergleichen gibt. Der polnische Geiger Tomasz Sroczynski, der auch ein Schreiner ist, und damit auch mit Holz umzugehen weis, nennt als Einflüsse Techno aus Deutschland und Detroit. Dazu können wir noch Górecki, Lutoslawski, Penderecki hinzufügen, was ja auch irgendwie auf der Hand liegt. Arvo Pärt nennt er auch noch… Und was kommt dabei heraus?
Eine interessante Mischung jedenfalls.


Zu Beginn dachte ich sofort an Loops und Minimalmusik, aber das löste sich schnell auf.
Mit jedem Stück seiner Sinfonie werden andere Kapitel aufgeschlagen und mit dem Einsatz von Samplern und anderen elektronischen Hilfsmitteln, werden geschickt neue Farben ins Spiel gebracht, ohne dass sie als Selbstzweck fungieren. So gibt es einige Fetzen von Volksmusik, die an Górecki und seine Verwendung von Tatra-Tänzen und schlesischen Melodien erinnern. Allerdings geht er nicht weit genug, er bleibt quasi auf halbem Weg stehen. Letztlich bleibt es ein Zwitter. Noch ist seine Musik der „Tradition“ verhaftet, während sie mit neuen Mittel erzeugt wurde. Einige Kritiker werfe ihm das auch konkret vor. Andere wiederum erkennen das Positive in seiner Herangehensweise.
Ich bin sehr gespannt wie es bei ihm weitergeht.


Lucy Railton & Kit Downes: Subaerial / SN Variations


Lucy Railton und Kit Downes lernten sich während ihres Studiums in London kennen und spielen seither zusammen. Daraus resultierte u.a. das Duo Tricko (2104) oder ihr Zusammenspiel im Quintett für die CD „Light from Old Stars“. Kit Downes zählt zu den aufstrebenden Stars der britischen Jazzszene und ist auch international bestens bekannt. Spätendens seit seiner Band „Empirical“ ist er in aller „Ohren“. „Der eindrucksvollste Jazzpianist aus England seit John Taylor“ ist immer wieder über ihn zu lesen.
Seit Geheimnis liegt aber in seiner Vielfältigkeit, so spielt er selbstverständlich u.a. an einer Kirchenorgel.
Was man auch auf der ECM Veröffentlichung „Obsidian“ hören kann.


https://youtu.be/B4vio4jbtaM


Die in Berlin lebende Lucy Railton geht komplett andere Wege.
Wie ich eingangs schon erwähnte, war ich vollkommen überrascht über die Arbeiten und Ihren Werdegang.
Und ich kann Sie Euch nur eindringlich empfehlen. Allein Ihre Zusammenarbeit mit dem Synthesizer-Pionier Peter Zinovief „RFG Inventions for Cello and Computer“ wäre eigentlich ein extra Tipp wert.


Hier möchte ich an George Nebieridze weitergeben, der für Amplify Berlin etwas über Lucy geschrieben hat:

Die in Berlin/London lebende Cellistin Lucy Railton ist seit über einem Jahrzehnt als Performerin, Musikproduzentin und Komponistin tätig und hat Alben bei Modern Love, Editions Mego – GRM Portraits, PAN (mit Peter Zinovieff) und Takuroku veröffentlicht. Ihre jüngsten Werke, die aus einer langjährigen Beschäftigung mit klassischer und zeitgenössischer Musik hervorgegangen sind, bewegen sich zwischen moderner Instrumentalmusik, elektroakustischer Komposition, Improvisation und expressiver Musique concrète. Ihre Arbeit konzentriert sich oft auf das klangliche Potenzial ihres Instruments und wie es ihren Experimenten in der elektronischen Musikproduktion und Installationsarbeit dient. Im Laufe der Jahre hat sie eine Reihe von interdisziplinären Kollaborationen mit Rebecca Salvadori, Peter Zinovieff, Catherine Lamb, Beatrice Dillon, Kali Malone und Kadialy Kouyate, der Schriftstellerin Laura Grace Ford, den Choreographen Akram Khan und Sasha Milavic Davies durchgeführt und war an Projekten von Pauline Oliveros, Iancu Dumitrescu, Mary Jane Leach, Cally Spooner, Matmos und Philippe Parreno beteiligt. Ihre Zusammenarbeit mit einigen dieser Künstler und deren Repertoire hat zu einer umfassenden Erforschung von Resonanz, Psychoakustik, Synthese und Mikrotonalität geführt, Themen, die in ihrer eigenen Arbeit stets präsent sind.
Während ihrer gesamten Zwanziger Jahre in London setzte sich Lucy für zeitgenössische und experimentelle Musik ein. Sie arbeitete intensiv in der Szene und produzierte Veranstaltungen im Institute of Contemporary Art und im Vortex Jazz Club, während sie die zehn Jahre andauernde Musikreihe Kammer Klang im Cafe Oto ins Leben rief und das London Contemporary Music Festival 2013-2016 mitbegründete und mitleitete. In dieser Zeit arbeitete Lucy auch freiberuflich mit den Ensembles London Sinfonietta, Britten Sinfonia und Ensemble Plus Minus zusammen und trat regelmäßig mit dem Pianisten Kit Downes, der Geigerin Aisha Orazabayeva und vielen Mitgliedern der Londoner Improvisationsszene auf. Sie trat bei Festivals und an Veranstaltungsorten wie Dark Mofo (Tasmanien), Blank Forms (New York), Cafe Oto, Borealis Festival, Atonal, Kölner Philharmonie, Barbican, Berlin Jazz, Donaueschingen, Sydney Opera House, Rewire, AKOUSMA (GRM), Norbergfestival, Centro de Creación Contemporánea de Andalucía und CTM auf.



Für die Aufnahmen des Albums wählten sie die isländische Kathedrale von Skáholt, deren warme Akustik und beeindruckende Pfeifenorgel sie beeindruckte.
Seit Ihrer Schulzeit improvisieren sie zusammen und jetzt sind diese die Grundlage für diese Veröffentlichung.
Diese „neue“ Situation verleiht dieser Musik eine besondere Note. Wie viel in diesen Improvisationen davon mitschwingt, mag man kaum ermessen.
Lucy Cellospiel ist die Grundlage für den weiteren Verlauf des Albums. Auf Ihr baut Downes harmonische Töne mit großartiger Zurückhaltung auf, indem er der Orgel erlaubt, die Elastizität eines Synthesizers zu imitieren. Der Klang, den sie erzeugen, ist eher abschreckend und mutig als „filmisch“ – die beiden bahnen sich einen Weg zum Himmel und schneiden einzigartige Klangskulpturen aus einem Raum, der Himmel und Erde verbinden sollte. Das ist eine bemerkenswerte Leistung.


Khyam Allami with Nene H, Tot Onyx, Enyang Ha, Tyler Friedman, Lucy Railton Recorded live on 29 January 2021 at silent green, Betonhalle, Berlin.

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