SZ Jazzkolumnne: „Solonummer“ Musik von u.a. Kamasi Washington, Jackie McLean, Theo Croker, Christian Scott …
Im Netz kehrt die Single in den Jazz zurück. Nicht nur als Werbemittel, sondern auch als Befreiungsschlag für die Musik. Von Andrian Kreye.
Hin und wieder ist das Internet wunderbar altmodisch. Die Rückkehr der Jazz-Single ist so ein Phänomen, auch wenn die nun eine ganz andere Rolle spielt als in den Jahren der Jukebox. Wenn Musikerinnen und Musiker nur Ideen für ein einzelnes Stück oder gerade zwei, drei Nummern aus einem besonders gelungenen Live-Gig mitgeschnitten haben, ist sie eine Befreiung vom Albumformat. Mit so einer Single hat man aber auch eine größere Chance, in einer der Playlists zu landen, die Streamingdienste kuratieren. Spotifys „State of Jazz“ ist so ein Durchlauferhitzer, der für neue Musik enorm wichtig geworden ist.
Brandee Younger, die meistgefragte Harfenspielerin der Gegenwart, hat eine zweiteilige Single mit den Songs „Unrest I“ und „Unrest II“ veröffentlicht, die von den Protesten gegen Polizeigewalt im Sommer 2020 inspiriert wurden. Das erste ist ein Solo, das zweite ein Trio mit dem Schlagzeuger Allan Mednard und dem Bassisten Dezron Douglas. Und sie zeigt einmal mehr, dass sie nicht nur virtuos spielen, sondern auch grandios komponieren kann.
Und dann ist da noch die Reihe Melodies Record Club, in der obskure Soul- und Jazzstücke auf Maxisingles herausgebracht werden, die im Nachtleben zu heimlichen Hits wurden. „De I Comahlee Ah“ zum Beispiel, ein ziemlich durchgeknalltes Duo aus dem Jahr 1974 mit dem Saxofonisten Jackie McLean und dem Schlagzeuger Michael Carvin. Eher Ritual als Musikstück, aber man ahnt, warum das in den Clubs so abgezogen hat.
© Süddeutsche Zeitung, Kultur, 18.4.2022