„Tanzen und Stolpern gegen die Uhr“ Neue Alben von Moor Mother und Loraine James

Moor Mother macht Protestmusik, ohne Slogans wiederzukäuen. Die Musik von Loraine James verspricht eine bessere Gegenwart. Von Christian Werthschulte.

No more master clock!“ – „Nie wieder nach der Uhr der Herren!“ Irgendwann inmitten einer Lärmkaskade auf ihrem neuen Album „Black Encyclopedia of the Air“ schreit die US-amerikanische Dichterin und Musikerin Moor Mother, bürgerlich Camae Defstar, diesen Slogan ins Mikrofon. Es ist die ultimative Ermächtigungsgeste. Kon­trolle über die Zeit zu besitzen, das ist eine klassische Forderung emanzipatorischer Bewegungen.

Für Moor Mother, die ihr Alter nicht nennt, ist der Kampf um die Zeit der Mittelpunkt eines philosophischen Programms. „Black Quantum Futurism“ nennt Moor Mother diese Philosophie, die sie gemeinsam mit ihrer Partnerin, der Community-Anwältin Rasheedah Phillips, entwickelt hat. Unter Rückgriff auf Quantenphysik und afrikanischen Mythen und Philosophien über Zeit formulieren die beiden die Theorie eines „Black Quantum Futurism Creative“.

Interkulturelle Realität

Wo Moor Mother mit ihrer Musik die Grenzen der Zeitwahrnehmung zu transzendieren versucht, rennt die britische Künstlerin Loraine James mit ihrem Album „Reflection“ gegen diese Grenzen an. Die Elektronik-Produzentin lebt in London, wo die Sehnsucht nach einer Fantasieversion der imperialen Vergangenheit die ernsthafte Beschäftigung mit der Gegenwart längst verdrängt hat.

Die Diskussionen um die Statuen von ehemaligen Sklavenbesitzern im öffentlichen Raum, die Strohmann-Debatten um „Critical Race Theory“ im britischen Unterhaus – sie alle sind Ausdruck einer „postkolonialen Melancholie“ (Paul Gilroy), die den Blick auf die interkulturelle Realität verstellt.



© TAZ, Kultur, 19.9.2021


DIE ALBEN

Moor Mother: „Black Encyclopedia of the Air“ (Anti/Indigo); 

Loraine James: „Reflection“ (Hyper­dub/Cargo)

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