The Free Jazz Collective Musiktipp: Tyshawn Sorey – Members… Don’t! / Pi Recordings
Von Fotis Nikolakopoulos. Fotis schreibt über eines der besten Jazzalben des Jahres 2026. Da gibt es für mich keinen Zweifel. Zu dem wunderbaren Text von Fotis hänge ich noch die umfangreichen Liner Notes an, ein starker Text. @radiohoerer
Max Roachs Members, Don’t Git Weary, das im turbulenten Jahr 1968 erschien, war ein Album seiner Zeit. Politisch (in Fortführung von Roachs musikalischen Statements, die mit We Insist! begannen), gesanglich und auf seine eigene Weise aggressiv. Der gefeierte – und einer meiner Lieblings- – Schlagzeuger Tyshawn Sorey bietet uns hier kein Cover-Album, nicht einmal neue Interpretationen der Songs, sondern, ich wage zu sagen, eine brandneue Neuinterpretation des alten Materials.
Live aufgenommen in der New Yorker Jazz Gallery mit einer großartigen Band – bestehend aus Adam o’ Farrill an der Trompete, Mark Shim am Tenorsaxophon, Lex Korten am Klavier, Tyrone Allen am Kontrabass und Fay Victor am Gesang – erreichen Sorey und seine Mitstreiter etwas, das derzeit nur das Quartett von [Ahmed] schafft: Sie nehmen die Reflexion der Vergangenheit auf, betrachten sie aus einer aktuellen Perspektive und machen sie zu einem Produkt der Gegenwart. Wirklich großartige Black Music. In der Tat: von der Vergangenheit in die Zukunft.
Sorey ist, gewissermaßen als Bandleader, ein Musiker, dem selbst ein Hörer wie ich, der Musik als Mittel des kollektiven Ausdrucks bevorzugt, vertrauen kann. Ich verwende das Wort „Vertrauen“, da er bestrebt zu sein scheint, die Black-Tradition, die er so offensichtlich verinnerlicht hat, in eine neue Einheit zu kanalisieren, die der Gruppe von Menschen gehört, die hinter all den Klängen stehen.
Indem sie die Punkte zwischen der Jazztradition, dem Free Jazz und der Reise der Transzendenz, die der Jazz damals jedem bot (genau wie auch Roachs Musik), sehr schnell und ekstatisch miteinander verbindet, ist die Musik auf dieser über neunzigminütigen Veröffentlichung ein freudiges Erlebnis und eine wegweisende Aufnahme für ein Jahr, in dem sich unser Planet in Richtung Chaos, Imperialismus und Faschismus bewegt.
Musik kennt keine Grenzen und setzt Kräfte frei, die heilen oder zumindest Trost spenden können. Selbst für kurze Momente. Ich habe bereits zuvor Soreys Führungsrolle angesprochen, und das erinnert natürlich an die Solisten der Jazzgeschichte. Doch Sorey stellt hier – um meinen vorherigen Gedankengang fortzusetzen – sicher, dass es sich um eine kollektive Leistung handelt, bei der der Fokus darauf liegt, wie man agiert und reagiert (das Zusammenspiel der Musiker), wobei das Material als Grundlage dient, um unsere derzeitige prekäre Lage zu kommentieren. So wie es damals Max Roachs Musik tat. Dies ist zweifellos ein dringendes Hörerlebnis.
© The Free Jazz Collective, 7.5.2026