UKJazznews: Terje Evensen – Reclusive Mountain / Studio Abstract Goat
Von Frank Graham. Zu den interessantesten Ablegern des NuJazz der 90er Jahre zählt sicherlich der neue skandinavische Ambient-Jazz. Mehr den futuristisch-primitiven Klanglandschaften von Jon Hassell als dem wegweisenden Jazz-Rock von Miles Davis oder Herbie Hancock verpflichtet, haben Künstler wie Nils Petter Molvær, Eivind Aarset und Jan Bang die tanzbaren Klänge der ersten Welle dieser Musik weitgehend hinter sich gelassen, um stattdessen Stimmung, Atmosphäre und langsame klangliche Drift zu verfolgen.
Einer der weniger bekannten Vertreter dieses Subgenres ist Terje Evensen (Schlagzeug, Elektronik), der britischen Lesern vielleicht am besten durch seine Rolle in dem anglo-norwegischen Projekt Spin Marvel des verstorbenen Martin France bekannt ist. Von seinen Kollegen sowohl als Musiker als auch als Produzent hoch geschätzt, hat er auf über 50 Aufnahmen mitgewirkt und betreibt sein eigenes Studio und Label.
Evensens Soloprojekte tendieren zu weitläufigen, stimmungsvollen Klanglandschaften, in denen elektronische und akustische Klänge nahtlos ineinanderfließen. Diese EP mit fünf Titeln ist vielleicht das stärkste Beispiel, das ich bisher gehört habe, nicht zuletzt, weil zur hochkarätigen internationalen Besetzung die ehemaligen Spin-Marvel-Kollegen Nils Petter Molvær (Trompete) und Tim Harries (Bass) gehören, die beide durchweg eine herausragende Rolle spielen. Julian Argüelles (Tenorsaxophon) und Michel Godard (Serpent) sorgen als Gastsolisten für eindrucksvolle Gastauftritte, Leo Abrahams (Gitarre) und Natalie Rozario (Cello) verleihen dem Ganzen ihre unverwechselbare klangliche und harmonische Raffinesse, und Evensen sorgt sowohl für den musikalischen Puls als auch dafür, die verschiedenen Elemente zu kohärenten, kompositorischen Formen zu verweben.
Insgesamt ist „Reclusive Mountain“ ein Triumph geschmackvoller und stimmungsvoller Klanggestaltung, wobei jedes Stück seine eigene, ihm innewohnende Dramatik und Bewegung in sich trägt. Es ist zudem ein hervorragendes Beispiel dafür, wie sich NuJazz weiterentwickelt hat, und eine Sammlung, die sowohl Jazz- als auch Ambient-Elektronik-Hörer gleichermaßen ansprechen dürfte.
© UKJazznews, 18.5.2026