„Utopie der B-Seite“ Lew Lewis zeigte uns, was Musik wirklich bedeuten kann. Mehr als ein Nachruf von Berthold Seliger

Ich weiß nicht, ob ich vom Tod des Musikers Lew Lewis erfahren hätte, wenn mir heute morgen Twitter nicht den Post eines anderen genialen Außenseiters der Musikszene in die Timeline gespült hätte: Wreckless Eric, der in der zweiten Hälfte der 70er Jahre mit seinem Hit »Whole Wide World« selbst ein paar Monate musikalischen Weltruhms (wenn man das so sagen will) erlebt hat. 

Von ihm stammt eines der großartigsten Bücher über das Musikgeschäft, nämlich »A Dysfunctional Success« – ein Buch, das immer noch von viel zu wenigen Menschen gelesen wird, die es angeht, etwa von jungen Musikern und Kulturarbeitern, weswegen sich die Musik heutzutage eben größtenteils anhört, wie sie sich anhört, und weswegen das Musikgeschäft immer noch so ist, wie es ist. Dieser Wreckless Eric also schrieb auf seinem Blog einen wunderbaren, herzerwärmenden Text über eben jenen Lew Lewis, und wer noch einen Rest von Empathie und Musikgeschmack in sich verspürt, sollte diesen Text lesen und weinen. Kein Nachruf soll das sein und keine Huldigung, stellt ­Wreckless Eric (der im wirklichen Leben Eric Goulden heißt) klar, bloß ein Stück darüber, wie sich sein und Lewis Wege gekreuzt haben – und über das Leben …

Und dieses Leben war rauh. Lew Lewis war Bauarbeiter und spielte Mundharmonika. Er wuchs in derselben Straße auf wie Lee Brilleaux, der Frontmann von Dr. Feelgood, und die Legende will es, dass Lew von Lee das Harmonikaspiel beigebracht bekam. 1969, mit 14 Jahren, gehörte Lew Lewis zur Southside Jug Band, zusammen mit diversen Musikern, die später die Band von Dr. Feelgood bilden sollten. 

© Junge Welt, Feuilleton, 8.5.2021

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