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Virtuelle Welten: Marlene Streeruwitz über Digitalisierung und Unfreiheit

Das zukunftslose Jetzt bietet keinen Platz für Rede und Gegenrede: ein Essay der Schriftstellerin über das Lebenssimulationsvideospiel „Bitlife“, Mangelnostalgie, Lebenszeit und das Versagen an Demokratie und Emanzipation.

Unlängst. Die 13-jährige Magdalena sagt, „Ich werde ohnehin nur 40 Jahre alt. Was soll ich mir schon überlegen.“ Die konventionelle Reaktion auf diese Aussage erfolgt prompt. Wem auch immer ich diese Sätze wiederholte, jede Person reagierte lächelnd mit dem Hinweis, dass diese Vorstellung doch dazu da sei, in der Schule nichts machen zu wollen und überhaupt nur noch am Handy zu hängen.

Am Handy. Da spielt Magdalena „Bitlife“. Da bekommt sie per Klick Leben zugewiesen. Einmal ist das ein indischer Mann, dann wieder eine Frau in California. Und. Magdalena klickt sich durch. Vom Baby bis zum Tod. Sie muss viele Entscheidungen treffen. Will sie auf die Uni gehen? Will sie einen One-Night-Stand haben? War sie nachlässig in der Verhütung? War die Partnerin nachlässig? Soll das Baby auf die Welt kommen, oder soll es eine Abtreibung geben?

Verfügbare Welt

Und immer gibt es die Möglichkeit, den Körper umzuformen. Fitnessstudio. Schönheitschirurgie. Geschlechtsumwandlung. In einer Stunde ist so ein Leben durchgeklickt. Die zugeteilte Person ist tot. Es kann ein Grab geben oder eine Verbrennung. Die Asche kann bei einem Seebegräbnis ins Meer geschüttet werden, oder die Urne wird in den Bergen ausgeleert. Die ganze Welt steht zur Verfügung. Und. Dann wird die nächste Person aufgerufen. Und. Das Leben beginnt von vorne. Und. Jedes Leben ist gleich wichtig.



© Der Standard, Virtuelle Welten, 4.1.2023

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