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„Wahrheit ist immer der Anfang des Gedankens“

Hannah Arendts politische Theorie des Sündenfalls
Von Thomas Meyer

„Wahrheit könnte man begrifflich definieren als das, was der Mensch nicht ändern kann; metaphorisch gesprochen ist sie der Grund, auf dem wir stehen, und der Himmel, der sich über uns erstreckt.“ Mit diesem Satz schließt Hannah Arendt ihren 1969 veröffentlichten Aufsatz „Wahrheit und Politik“ ab. Liest man ihre Arbeiten über „Elemente und Ursprünge der totalen Herrschaft“, „Vita activa oder vom tätigen Leben“, „Über die Revolution“ und die unvollendet gebliebene Studie „Vom Leben des Geistes“ vor dem Hintergrund dieses Zitates, dann ordnet sich das vielgelesene und kontrovers diskutierte Werk der politischen Theoretikerin völlig neu. Es erscheint dann als eine einzige große Erzählung über den Sündenfall des Menschen, der mit der Zumutung der Wahrheit nicht umzugehen weiß, sich in Lügen und Verlogenheit flüchtet und schließlich aus „schierer Gedankenlosigkeit“, so Arendt in ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem“, den Massenmord an den europäischen Juden verübt. Doch Arendts emphatischer Wahrheitsbegriff birgt Gefahren, wie der Philosoph Hans Blumenberg warnte, er sah einen „Rigorismus der Wahrheit“ am Werke, der drohte, unbarmherzig zu werden.

© Bayern 2, Nachtstudio, 27.11.2015

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