„Wir wollen keinerlei musikalischer Partei dienen …“ Vor 100 Jahren fanden die ersten Donaueschinger Musiktage statt

Zum 100. Geburtstag der Donaueschinger Musiktage (siehe auch Seite 4) blickt die nmz auf die Anfänge des bedeutendsten Festivals für zeitgenössische Musik im deutschsprachigen Raum zurück. Im Mittelpunkt: der für die ersten Programme verantwortliche „Arbeitsausschuss“ um Heinrich Burkard. Von Michael Wackerbauer.

Frankfurt, Seeheimerstraße 19, 2. April 1921. Ein junger Mann legt sein zart lila getöntes Briefpapier mit fein aufgedruckter Adresse zurecht, um in akkuratem Sütterlin sein Bewerbungsschreiben für die Teilnahme an einem neuartigen Musikfest zu verfassen:

„Sehr geehrter Herr, auf Veranlassung meines Lehrers, Herrn Bernhard Sekles, übersende ich Ihnen meine ,Sechs Studien für Streichquartett‘ mit der Bitte, zu prüfen, ob sie für eine Aufführung bei dem bevorstehenden Kammermusikfest in Donaueschingen in Betracht kommen. Die Stücke sind im Sommer vorigen Jahres in rascher Folge entstanden […]. Sie wurden bisher noch nicht aufgeführt; doch hat sich Arnold Schönberg sehr günstig über sie geäußert.“

Unterzeichnet hat das Schreiben der 17-jährige Theodor L. Wiesengrund-Adorno, der seine „Studien“ 1920 noch als Gymnasiast komponiert hatte. Wie kam es zu Bewerbungen wie dieser, die bis Anfang Juni 1921 in großer Zahl in dem abgelegenen Residenzstädtchen Donaueschingen einliefen? Die dort ansässige „Gesellschaft der Musikfreunde“ hatte Mitte November 1920 in deutschen Musikzeitschriften einen knapp formulierten Hinweis platziert, der für einiges Erstaunen gesorgt haben dürfte:

„Noch mehr wie bisher sollen im beginnenden Konzertjahr die in der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek schlummernden Denkmäler der Tonkunst früherer Zeiten zum Leben erweckt werden. Daneben hat sich die ,Gesellschaft der Musikfreunde‘, die in dem Fürsten zu Fürstenberg einen verständnisvollen Förderer besitzt, zur besonderen Aufgabe gestellt, sich für die lebenden deutschen Komponisten kräftig einzusetzen. Für nächsten Sommer ist eine Reihe von Konzerten ge­plant, die ausschließlich Kammermusik noch nicht anerkannter oder noch umstrittener neuzeitlicher Tonsetzer zur Aufführung bringen sollte.“

Theodor L. Wiesengrund-Adorno


© nmz, 9/2021

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