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Zeit Online: Pop und kulturelle Aneignung „Als Techno plötzlich hessisch war“ Ein Essay von Tobi Müller

Wo hört Ehrerbietung auf, wo beginnen problematische Aneignungen? Ein Blick auf die Popgeschichte kann Klarheit schaffen. Oder alles noch komplizierter machen.

Wem gehört was im Pop? Fragen der kulturellen Aneignung haben Konjunktur wie schon lange nicht mehr. Darf etwa die katalanische Künstlerin Rosalía andalusischen Flamenco massentauglich formen und dabei eine sprachliche Färbung benutzen, die nicht von ihrer Mutter stammt? Ist es okay, wenn sie Anleihen bei mittelamerikanischem Reggaeton macht für ihre Weltkarriere? Oder ist es bereits falsch, von Dürfen oder Nicht-Dürfen zu sprechen und damit Verbote heraufzubeschwören, bloß weil es Kritik an ihrer Kunst gibt?



Das Ziel solcher Debatten um kulturelle Aneignung, also die Übernahme von Bestandteilen einer Kultur, die diese aus ihrem ursprünglichen Kontext herauslöst, bleibt häufig nebulös, denn die Lage ist komplex. Aneignung ist zum einen wesentlich für Pop, zum anderen unter Umständen problematisch, wie viele heute wieder sagen, wenn die Sichtbarkeit von Musikerinnen und Musikern darunter leidet, die nicht zur jeweiligen Mehrheitsgesellschaft gehören. Wo hört der kulturell stets unreine Pop auf, wo beginnt reiner Rassismus? Es gehört zu jeder Diskussion, die weiterkommen soll, dass man zunächst die Übersicht verliert, bevor sich die Grenzen verschieben. Ein Blick in die Geschichte des Pop kann etwas Orientierung bieten, wie es gehen könnte. Und wie nicht.

Zur Urszene jeder Popbiografie gehören die Momente, in denen Kinder und Jugendliche durch die musikalische Aneignung einer fremden Identität den Wunsch formulieren, jemand anders zu sein. Pop als Theaterworkshop, aber für Millionen, mittlerweile Milliarden – zu Hause vor dem Spiegel, in der Disco, beim Konzert. Und für Erwachsene ebenso: Die meisten Musikerinnen und Musiker haben ihren Beruf auch deshalb gewählt, um sozialen oder kulturellen Festlegungen zu entkommen. Für Pop im Deutschland der Nachkriegszeit war dieser Wunsch zentral: Rock ’n‘ Roll und Beat dienten gerade wegen ihrer sprachlichen Fremdheit als willkommenes Mittel, die Nazizeit der Eltern zu verdrängen. Vati und Mutti konnten kein Englisch. Und manches verstand der Nachwuchs ja selbst nicht: „A wop bop a loo bop/ A lop bam boom„, die erste Zeile von Tutti Frutti – was sollte die denn bedeuten?



© Zeit Online, Kultur, Musik, 15.5.2022

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