„Chamäleon des Klangs“ Das Musikfest Berlin entdeckt furios Igor Strawinskys amerikanisches Alterswerk.
Sogenannte Alterswerke großer Künstler sind manchmal die Restposten abgeklärter Erschöpfung, oder sie offenbaren den alterswilden Mut zur Reduktion, zur Metamorphose. Von Wolfgang Schreiber.
Darüber wird gerätselt – Tizian, Verdi, Picasso, Strawinsky ernteten spät ihre schönsten Früchte. Spätwerke, beschrieb einst Theodor W. Adorno den „letzten“ Beethoven, seien nicht reifen Früchten gleich, „nicht rund, sondern durchfurcht, gar zerrissen“. Ihnen fehle „die Harmonie der klassizistischen Ästhetik“. Fatales Fazit: „In der Geschichte von Kunst sind Spätwerke die Katastrophen.“ Das Musikfest Berlin versucht gerade, nach der extravaganten Eröffnung durch Heiner Goebbels‘ „A House of Call“ (SZ vom 1.9.), den späten Strawinsky auszuleuchten, so gründlich wie nirgendwo sonst.
Die Katastrophe in Tönen freilich hatte der Russe Igor Strawinsky (1882 – 1971) schon als Dreißigjähriger in die Welt gesetzt: Mit dem brutalen Frühlingsopfer „Le sacre du printemps“ entfachten er und Choreograf Sergej Diaghilew den frühen Jahrhundertskandal von Paris. Strawinsky etablierte sich dort als genialer Paradiesvogel. Für den Komponisten Claude Debussy war er „ein junger Wilder, der aufregend laute Krawatten trägt, den Frauen die Hände küsst und ihnen auf die Füße tritt. Wenn er alt ist, wird er unerträglich sein…“
© Süddeutsche Zeitung, Kultur, Klassik, 7.9.2021