Relesase Tipps: Wer braucht schon Schubladen – Intensiv Version
Mit Musik von Carlos Giffoni, Brad Rose, Rytis Mažulis, Passepartout Duo, Werner Durand & John Krausbauer, Western Grey, Phew & Danielle de Picciotto, Timo Kaukolampi.
Wer braucht schon Schubladen ist das perfekte Sammelbecken für Musik, die nicht an der Oberfläche schwimmt oder richtungsabhängig ist. Das ist in dieser Auswahl auch mit echten Herausforderungen belegt, denn die Bandbreite ist sehr groß. Trotzdem hoffe ich auf geneigte Hörer, die eben diese Herausforderungen lieben.
Eine Anmerkung von Carlos Giffoni
Ich habe alle Tracks ursprünglich zwischen 2024 und 2025 in Kalifornien aufgenommen.
Anschließend wurden die Tracks an verschiedene Orte auf der ganzen Welt zu den jeweiligen Mitwirkenden geschickt, um dort fertiggestellt zu werden, bevor sie für den letzten Schliff zu mir nach Kalifornien zurückkehrten. Danach wurden sie zum Abmischen nach Japan geschickt, dann zurück nach Kalifornien und schließlich nach Australien, wo die endgültigen Entwürfe für das Artwork erstellt wurden. Die endgültige Version wurde dann vervielfältigt und über die ganze Welt verbreitet, bis sie ihr Ziel, Ihre Ohren, erreichte. Das Pendel schwingt. Und die Welt dreht sich endlos weiter.
So, wie Carlos Giffoni es erzählt, ist seine Musik um den ganzen Erdball gereist. Die dabei entstandenen elektronischen Soundcollagen hängen stark von den beteiligten Musiker:innen ab. Zu hören ist unter anderem entrückter Gesange von Zola Jesus oder etwas experimenteller von Lea Bertucci und dazwischen auch eigene Stücke von Carlos Giffoni wie „Thorn”. Insgesamt gefallen mir aber die Kooperationen besser, die das Ganze auch hörenswert machen.
Die Auswirkungen des Menschen auf seine Ökosysteme und die durch den Klimawandel verursachten Veränderungen sind ein Thema für viele Künstler aller Genres. Im ersten Stück können wir sehr gut hören, wie Kinder durch das Herbstlaub gelaufen sind und wie viel Spaß sie dabei hatten. Spannend ist, wie er die entstandene Geräuschkulisse verarbeitet und in etwas völlig anderes verwandelt.
Ich muss zugeben, dass ich mit der Musik von Rytis Mažulis nicht zurechtkomme. Auch wenn ich es jetzt schaffe, ihr länger zuzuhören, ist es eine große Anstrengung. Ich nehme wahr, wie sich alles entwickelt und verändert, und ich kann mir auch vorstellen, dass es irgendwie auch faszinierend sein kann. Für mich ist es das aber nicht.
Das akustische Tagebuch des Passepartout Duos funktioniert für mich bestens. Besser als das, was folgt, kann ich es nicht beschreiben:
„Pieces from Places” ist eine Übung zweier Künstler, der Welt zuzuhören. Sie nehmen die unterschiedlichsten Orte auf: die feuchte Stille des Künstlerdorfes in Taipeh, die urbanen Rhythmen von Belgrad oder Tiflis, die stille Küste von Ayvalik, die labyrinthische Akustik von Fes, die pulsierende Dichte Kalkuttas und die zeitlose Winterlandschaft von Trondheim. Jeder Ort bietet ein Fragment einer Atmosphäre aus der besonderen Perspektive des Duos.
Was wir hören, sind die sogenannten „kosmischen Ur-Drones“. Dieser „unerbittliche, summende Chor aus Obertönen und Harmonien” ist extrem herausfordernd. Ich habe großen Respekt vor den Hörern, die diese 28 Minuten durchhalten.
Nach all den Drones und Musik voller Mikrointervalle, ist das eine akustische Erholung. Lehnt euch zurück und lasst euch entführen, um den West Space zu erkunden. Hier gibt es Musik, die viel Zeit und Raum hat, sich zu entwickeln. Gerade unter Kopfhörern entfalten diese improvisierten Klänge ihre volle Wirkung.
Das Duo Phew und Danielle de Picciotto hat sich mit „Paper Masks” sehr fantasievolle und surreale Dialoge in Form von Sound- und Textcollagen ausgedacht, die in ihrer Traumhaftigkeit gut wirken. „Paper Masks” ist ein Hörerlebnis, das perfekt in die Nachtstunden passt.
Wenn ich einen Soundtrack höre, ist es schade, wenn ich den dazugehörigen Film nicht sehen kann. Zumindest können wir hier einen kurzen Videoclip sehen. Timo Kaukolampi schafft es sehr gut, eine aufgeladene Atmosphäre zu entwickeln. Eine Atmosphäre, die an eine intensive, maschinengetriebene Welt mit Rennen à la Mad Max oder ähnlichen Plots erinnert. Rituale der Kämpfe, des Adrenalinrausches. Schön ist dabei, dass wir auch die Musik hören können, die es nicht in den Film geschafft hat.