Release Tipps: Wer braucht schon Schubladen – 2
Musik von XII Sound aka Alice DeVille, Parajekt, Miska Lambert, Erik Klinga, Craven Faults, Clare Cooper & Jean-Philippe Gross, Janni Anastasakis und Machinefabriek.
Auch im neuen Jahr gibt’s neue Schubladen, die niemand braucht. Und die Herausforderungen für die Hörenden werden auch nicht weniger. Ich habe eine neue und vielfältige Auswahl an Hörfutter für euch.
Im folgenden Text über die Releases beziehe ich mich auf alle untereinander, weshalb ich diesen Text voranstelle. Im Einzelnen könnten die Bezüge zueinander verschwinden, was schade wäre …
XII Sound aka Alice DeVille hat ihre Angst vor der U-Bahn mit eigener Musik besiegt und zu einem positiven Erlebnis gemacht. Mithilfe von Gesang, Ableton und Simpler verwandelt sie ihre Feldaufnahmen der Londoner U-Bahn in gut hörbare, eigenständige Musik. Es ist gut möglich, dass wir die U-Bahn demnächst mit anderen Ohren wahrnehmen werden.
In Parajekt sind die Maschinen die Chefs. Ihre Musik ist leblos. Ich finde es sehr bedauerlich, dass es Bernhard Hammer (Elektro Guzzi) und Matija Schellander nicht geschafft haben, Leben in die Sache zu bringen.
Miska Lamberts Debüt ist so Nebel verhangen, dass ich kurz nach draußen geschaut habe – arschkalt und sonnig –, um mich zu vergewissern, wie das Wetter tatsächlich ist. Auch wenn u. a. gelegentlich Sprachfetzen auftauchen, brauche ich so etwas nicht. Aber vielleicht der eine oder andere Hörer.
Für Erik Klinga trifft das leider auch zu. Zwar erfährt das Titelstück durch seine Komplexität und seine Texturen eine sehr gelungene Auflösung, doch der Rest ist in ein fettes Grau gehüllt. Aber seine Musik spricht definitiv mehr an als die von Lamberg.
Die Reise durch den englischen Norden, auf die uns Craven Faults mitnimmt, ist jedenfalls heller und freundlicher als die nebligen Ambientarbeiten in diesem Beitrag. Obwohl das Thema ebenfalls ernüchternd ist. Die Deindustrialisierung des Nordens und der damit einhergehende Verfall der Gemeinden und Dörfer. Was sich wiederum in seiner Musik nicht widerspiegelt. In einer Rezension wurde vorgeschlagen, seine Musik bei Bahnfahrten zu hören, wodurch wir wieder bei Alice DeVille wären.
Den Tiefpunkt erreichen wir mit dem, was Clare Cooper & Jean-Philippe Gross darbieten. Ich könnte jetzt etwas von Cage … Nein, der ist mir zu wichtig. Sorry. Wenn jemandem da draußen etwas Sinnvolles zu dieser Musik einfällt, will ich es wissen.
Die Musik, die Janni Anastasakis zu Stanisław Lems „Solaris” komponiert hat, ist voller Atmosphäre und Spannung. Für mich eignet sie sich sehr gut als Bühnenmusik.
Rutger Zuydervelt, auch bekannt als Machinefabriek, ist so beschäftigt, dass ich mich manchmal frage, ob er überhaupt schläft. Er hat eigene Projekte, macht Bühnenmusiken für Ballette, Filmmusik, ist Produzent und kümmert sich um Mixing und Mastering. Es ist unglaublich, wo er überall seine Hände im Spiel hat. Nun ist Spelonk auf Crońica erschienen. Seine Musik entwickelt sich allmählich: Zunächst dominieren Clicks and Cuts, doch später verändert sich das zunehmend. Die „Räume” verändern sich, es wird langsam unheimlich und ich frage mich, was als Nächstes passiert. Das wenige, das passiert, hat eine Wirkung, eine Ausstrahlung. Und laut Machinefabriek ist das nur eine Art „Fingerübung”, ein Ausloten der Möglichkeiten der eigenen Erfahrungen. Ich mag es und empfehle es gern weiter.