Musiktipps

Das neue Album „Fossora“ von Björk: „Biologie und Techno“ oder „Rotwein in einer Jazz-Bar im Jahr 2050“.

Max Fellmann in der SZ und Benjamin Moldenhauer in der taz schreiben über das neue Werk von Björk, das in der Tat eine besondere, sehr hörenswerte Musik zu bieten hat.

Björk hat für ihr neues Album Instrumente in der Erde vergraben lassen und ein Bassklarinetten-Sextett engagiert. Inhaltlich geht es viel um Pilze. Von Max Fellmann.

Jetzt also Pilze. Ernsthaft: Pilze als Konzept, Pilze als Thema, Pilze als Textinhalt. Dazu Klarinetten. Posaunen. Rhythmusspuren, die eher nach Bretterverschlag klingen als nach Viervierteltakt. Und in den Videos Masken und Kostüme wie aus einem Cronenberg-Horror-Film. Gut, man hat sich daran gewöhnt, dass Björk gern die ungewöhnlichen Wege geht, und dass sie das mitunter auch sehr demonstrativ tut. Das Schwanenkostüm auf dem roten Teppich in Cannes, die Fitzel-Fatzel-Experimente mit immer noch jüngeren, noch hipperen Techno-Leuten, die Live-Auftritte, mit der Zeit mehr Kabuki-Theater als Konzert.

Aber um das gleich mal zu sagen: Es ist selbstverständlich großartig, dass Björk Guðmundsdóttir, inzwischen 56, mit ungebrochener Energie genau das macht – Grenzen dehnen, Grenzen überschreiten, Grenzen sprengen. Wer will das denn heute sonst noch? Wer wagt denn was? Jeder zweite Popstar behauptet ständig, „ich erfinde mich völlig neu“ – und ändert dann doch nur die Haarfarbe. Björk dagegen baut sich immer wieder neue Fenster, nur um sich immer noch weiter hinauszulehnen. Dass sie dabei manchmal ein bisschen in der Luft hängt: liegt in der Natur der Sache.



© Süddeutsche Zeitung, Kultur, 3.10.2022


Genau zur Pilzsaison veröffentlicht die Björk mit „Fossora“ ein Album, das sich mit der Liebe und mit Vergänglichkeit auseinandersetzt. Von Benjamin Moldenhauer.

Der erste Eindruck, der einen beim Hören von „Fossora“ anspringt, dem neuen Album des isländischen Popstars Björk: dass ihre Musik immer wieder auf das Heftigste ballert. Was nach den Vorgängern, dem Leiden und Wiederauferstehung zelebrierenden Trennungsdrama „Vulnicura“ (2015) und dem filigranen, flötenlastigen „Utopia“ (2017) schon mal überrascht.

„Atopos“, der Auftaktsong von „Fossora“, verbindet ein Bassklarinetten-/Bläser-Ensemble in bislang wirklich ungehörter Weise mit rabiaten Beats, die nach einem tastend-stolpernden Beginn an Fahrt aufnehmen und Erinnerungen an die selige Rotterdam-„Poing“-Rumpeltechno-Ästhetik der Neunziger aufrufen.

Auch wer die letzten Björk-Alben vor allem anstrengend fand, muss ihrer Musik zugestehen, dass sie nie irgendeine selbstzufriedene Routine entwickelt hat.

Über den Klarinettengabba singt Björk einen ihrer Songtexte, die Verbundenheit beschwören und die Unverbundenheit beklagen. „Are these not just excuses to not connect? / Our differences are irrelevant / Too only name the flaws / Are excuses to not connect.“



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