Andrian Kreye’s Jazzkolumne „Paarungszeit“
Lonnie Smith mit Iggy Pop, Jon Batiste mit Zadie Smith, Joe Chambers mit MC Parrain – drei Neuerscheinungen zeigen, wie offen der Jazz nach allen Seiten ist. Auch zu Punk und Literatur.
Wer auch immer die Idee hatte, den Übervater des Punk, Iggy Pop, und den Meister der Jazz-Inbrunst, Dr. Lonnie Smith, in ein Studio zu stecken, damit sie zwei Gassenhauer aufnehmen, sollte einen Sonder-Grammy für „sinnvollen Einsatz psychedelischer Substanzen“ bekommen. Die erste Nummer ist gerade erschienen: „Sunshine Superman“. Im Original war das 1966 ein Sommerhit des schottischen Folk-Softies Donovan, der gut ins Swinging London passte mit diesem ganzen kunterbunten Hippie-Krimskrams wie den Regenbögen, den Comicfiguren und dem Cembalo.
Noch so eine unerwartete Paarung, die zeigt, dass Jazz immer und nach allen Seiten offen bleibt, ist die erste Single aus dem Album „We Are“ (Verve) des genialischen Pianisten, Sängers, Fernsehbandleaders, Aktivisten, Models und Vorbildes für die Jazzmusikerhauptfigur im Pixar-Animationsfilm „Soul“ Jon Batiste. Mitsängerin ist bei diesem Song die Schriftstellerin Zadie Smith. Die Paarung kam ähnlich zustande wie bei den Senioren in Florida: Batiste und Smith waren in Brooklyn Nachbarn, die miteinander jammten. Der Rest des Albums, das am 19. März erscheint, wird dann mit noch ganz anderen Gastauftritten ähnlich eklektisch, brillant und stilistisch breit aufgestellt.
Chambers war nie gerne Leader, weil er immer so viel Spaß als Sideman hatte. Er wusste wie man Grooves für Leute wie Donald Byrd oder Joe Zawinul erzeugt, und wie man mithält, wenn Visionäre wie Wayne Shorter und Archie Shepp neue Wege suchen. Auf „Samba de Maracatu“ (Blue Note) geht es weniger um Samba, als um Chambers‘ Geschick, mit seinem Trio (plus Vibrafon und Percussion im Overdub) ein Maximum aus der Rhythmuspalette des gesamtamerikanischen Kontinents herauszuholen.
© Süddeutsche Zeitung,, Jazzkolumne, 8.3.2021