Bandcamp Musiktipp: Micah Thomas – Lucid / Self Release
Von Britt Robson. Mit „Lucid“, seinem fünften Album als Bandleader noch vor seinem 30. Geburtstag, definiert der Komponist und Pianist Micah Thomas weiterhin neu – und prägt dabei seine eigene Identität –, wie ein Wunderkind seine Brillanz zum Ausdruck bringen und fördern kann.
Thomas, der bereits im Alter von zwei Jahren alles spielen konnte, was er hörte, trat schon während seiner Highschool-Zeit mit Musikern von nationalem Rang auf und nahm dabei stetig ein breites Spektrum an Musik in sich auf, das von Thelonious Monk über Gustav Mahler bis hin zu Willie „The Lion“ Smith reichte. Wahrscheinlich ist er nach wie vor am bekanntesten für seine langjährige, andauernde Mitwirkung im Immanuel Wilkins Quartett – wo seine abenteuerlichen Soli häufig ein Höhepunkt der Live-Auftritte der Gruppe sind –, doch in Thomas’ eigenen Projekten stehen konzeptionelle Klarheit und Innovation vor schillernder Technik.
Bei „Lucid“ besteht das Leitkonzept darin, durch ein Gleichgewicht kurzer, episodischer Abschnitte innerhalb jedes Songs ein Gefühl der Ausgewogenheit in der Musik zu erzeugen, gespielt von Musikern, die von einem echten Gemeinschaftsgefühl beflügelt sind. Wie Thomas es in den Albumnotizen formuliert: „Ich möchte ganz ich selbst sein, mit all meinen Eigenheiten und Unterschieden, und dennoch den anderen zuhören und mich auf sie einstellen – und dass sie mir zuhören und sich auf mich einstellen. Ich möchte als Teil des Puzzles wirklich in den Kontext gehören, in dem ich mich befinde.“
Im besten Fall ist „Lucid“ das musikalische Äquivalent zu einem meiner liebsten wiederkehrenden Ereignisse – einem Triple im Baseball. Eine Dynamik ist der Schlagmann, der den Ball in die Lücke geschlagen hat und nun um die Basen sprintet und auf die dritte Base zusteuert. Die andere Dynamik sind die Feldspieler, die dem Ball hinterherhuschen, während sich andere für Relay-Würfe aufstellen, um gemeinsam zu versuchen, ihn auszuschalten, bevor er die Base erreicht. Es ist zugleich wildes Chaos, herrlich koordinierte sportliche Anstrengung und – besonders wenn es ein knappes Spiel ist – ein ästhetisch befriedigendes Ergebnis. Diese hervorragende Platte wird von mindestens zwei oder drei solchen Momenten gekrönt. © Texte: Britt Robson.