Begegnung mit dem Unbekannten oder wie wollen wir in Zukunft mit der Musik umgehen?
Überall in der Musik will man die Schwellen senken. Dadurch wird aber nichts erreicht. Es gilt, sich auf das Abenteuer der Musik einzulassen. Von Laurenz Lütteken.
Am Donnerstag, dem 4. April 1912, fand abends im Königlichen Opernhaus Unter den Linden das 10. Sinfoniekonzert der Berliner Königlichen Kapelle statt, unter der Leitung des Generalmusikdirektors Richard Strauss. Das Programm war vergleichsweise konventionell, zunächst drei Sätze aus Mendelssohns Sommernachtstraum-Musik, dann Beethovens Neunte. Im Programmheft findet sich, wie stets in den Konzerten des Orchesters, der Vermerk: „Auf vielseitigen Wunsch findet im Vorraum des Kgl. Opernhauses ein Verkauf von Partituren obiger Werke statt.“
Man staunt, und man staunt weiter. Im Programmheft wurden zwei detaillierte, mit reichlich Notenbeispielen versehene Werkkommentare des Musikjournalisten Max Chop abgedruckt. Die zahlreichen Annoncen weisen sämtlich einen Musikbezug auf, Klavier- und Musikhäuser, zwei Schallplattenfirmen, Musiklehrer, das Stern’sche Konservatorium, Verlage. Es geht nicht allein um „beliebte Trauungs- u. Hochzeitsgesänge“ und „100 musikalische Schlager“, sondern ebenso um „moderne Kammermusik-Werke“ oder, ganzseitig, um „Arnold Schönbergs Werke“, darunter vor allem die Harmonielehre „in vornehmem Leinenband“.
Das ist mehr als hundert Jahre her, und doch ist das alles andere als ein kurioser Blick in eine kuriose Vergangenheit. Es ist ein bemerkenswertes Zeugnis einer bemerkenswerten musikalischen Bildung. Diese ist in neuerer Zeit oft als elitär diskreditiert worden, doch war sie dies nur in sehr begrenztem Maß, da sie stets auf Freiwilligkeit basierte. Und sie war erstaunlich durchlässig. Dass man 1902 die Uraufführung von Schönbergs „Verklärter Nacht“ prominent auf der Titelseite der Wiener „Arbeiter Zeitung“ besprechen konnte, ist kein Sonderfall.
Laurenz Lütteken ist Professor für Musikwissenschaft an der Universität Zürich.