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„Creative Musicianship“ Sō Percussion beim New Yorker Avantgarde-Festival Time:Spans

Was man mit Instrumenten sonst nicht tut: In den Stücken von Suzanne Farrin und Julia Wolfe bespielen die Schlagzeuger des Ensembles Sō Percussion sowohl den Innenraum eines Flügels als auch die Instrumente eines Streichquartetts. Mit Carolin Naujocks.

Die 1976 geborenen Suzanne Farrin interessiert sich besonders für die klanglichen Möglichkeiten im Korpus der Instrumente. Diese Klangforschung und -erweiterung im Inneren entspricht ihrem Ausdrucksbedürfnis, das mit der Innenschau zugleich die ungeschützte Intimität eines geheimen Innenlebens transportieren möchte.

Für ihr 2019 entstandenes Stück „the diamond in the square“ benötigt es einen Flügel und vier Spieler. Es liegt nahe, das die vier Musiker von So Percussion ihre diversen Schlag-, Reibe- und anderen Klangerzeugungstechniken im Inneren des Instruments ausprobieren. Nur ein Spieler bedient die Klaviatur – zunächst auf traditionelle Weise, später clusterartig unter zu Hilfenahme des Tastendeckels.

Den Fasern Klang verleihen

Der Eindruck dieser Prozedur verändert sich, wenn man den Flügel nicht als Instrument des traditionellen Musikbetriebs, sondern als Klangmaschine, als eine Art musikalischen Webstuhl begreift. Dann sind die Klänge nicht in erster Linie Teil einer musikalischen Faktur sondern Bedeutungsträger im Hinblick auf handwerkliche Kulturtechniken. Der Titel bezieht sich auf die Raute im Quadrat – jenes Muster der amerikanischen Volkskunst des Quiltens.

Instrumente auf ungewöhnliche Weise einsetzen

Die 1958 geborene Julia Wolfe versucht in ihrer Musik die Einflüsse sehr unterschiedlicher musikalischer Artikulationsformen und Idiome zusammen zu bringen. Ihr kompositorisches Schaffen wurzelt im Post-Minimalismus, gleichzeitig schöpft sie ihre Inspirationen aus den Genres Folk, Klassik und Rock. Typisch für ihre Musik ist die expressive Kraft, die sie aus ihren Vorbildern zieht.

In ihrer Werkliste gibt es viele Streicherstücke. Auch das 2019 geschriebene „Forbidden Love“ entstand für ein Streichquartettinstrumentarium, wenngleich die Instrumente von Schlagzeugern gespielt werden.  „Forbidden Love/ Verbotene Liebe – gemeint sind all jene Dinge, die man mit Streichinstrumenten nicht tun sollte“.

Die Musiker sind im Raum wie ein traditionelles Streichquartett verteilt. Die Instrumente liegen vor ihnen auf je einem Tisch, um stehend gestrichen, geschlagen und mit Bändern und Schwingkörpern präpariert zum Räsonieren gebracht zu werden. Da die jeweiligen Techniken oft gleichzeitig von allen Spielern angewendet werden, stellen sich schnell Masseeffekte, teils auch Überlagerungen und Verschiebungen ein, die das Klangbild nach und nach prozessual verändern. Hier gibt es klare Reminiszenzen an die Minimal-Music, aber auch andere Traditionen werden zitiert, immer in dem entspannten Sound populärer Unterhaltungsmusik.



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© Deutschlandfunk Kultur, Neue Musik, 8.4.2021

Festival Time:Spans
Mary Flagler Cary Hall, New York
Aufzeichnung vom 15./16.08.2020

Suzanne Farrin
„the diamond in the square“ (2019)

Julia Wolfe
„Forbidden Love“ (2019)

Sō Percussion:
Eric Cha-Beach
Josh Quillen
Adam Sliwinski
Jason Treuting

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