Nachhören

„Der Charme der Endlichkeit“ von Thomas Palzer

Was passiert, wenn etwas zu Ende geht, wenn man aufhört – aufhört mit gewissen Lastern, Routinen, Gewohnheiten? Wenn man vom einen Tag auf den anderen die Stadt wechselt, den Partner, die Überzeugung, den Beruf?

Es passiert zunächst einmal nichts oder nicht viel. Es verändert sich lediglich die Perspektive. Aber darin steckt eine Revolution.
Gewiss, die Welt bleibt die alte, aber wir sehen sie neu – vollkommen neu. Wir betrachten sie unter einem anderen Koordinaten- oder Sortiersystem. Wir erkennen plötzlich, dass „Aufhören“ ja nicht bloß bedeutet, etwas zu beenden. Es bedeutet gleichzeitig: aufmerken, auf-hören, die Ohren spitzen.
Der Soziologe Harald Welzer hat im Jahr 2021 das Sachbuch „Nachruf auf mich selbst“ veröffentlicht. Er sagt, dass unsere Kultur es versäumt hat, eine Kultur des Aufhörens zu entwickeln. Dabei sind wir selbst endliche Wesen – eines Tages werden wir aufhören müssen.
Mit einem neuen Koordinatensystem lernen wir, eine andere Geschichte über uns zu erzählen. Eine andere als die, die wir immer über uns erzählt haben. Wir erzählen uns also neu, und fangen gleich damit an.



© Bayern2, Nachtstudio, 29.3.2022

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