„Vita Contemplativa“ Teilnehmende Beobachtung als Haltung von Thomas Palzer

Wer das Leben geistiger Betrachtung widmet, hat schnell den Verdacht am Hals, ein Schöngeist zu sein, ein Sammler erlesener Antiquitäten oder jemand, der seine Tage im Park beim Füttern der Tauben verbringt. Dabei ist er jemand, der das Leben einfach nur nicht manipulieren will.

Anders als die, die ihre Getriebenheit für Aktivität halten, will der, der ein kontemplatives Dasein führt, die Dinge sprechen lassen – statt unentwegt die eigenen Bedürfnisse und Petitessen in den Vordergrund zu rücken. Der Kontemplative will das Sein sein lassen, derjenige, der aktiv ist, will es manipulieren. Der Aufstieg des Handys liegt genau darin begründet: Sein Wesen ist das eines mobilen Großraumbüros.

Ein kontemplatives Dasein zu führen, heißt dabei nicht, einem beschaulichen Dasein das Wort zu reden – es heißt vielmehr, die Responsivität der Umwelt ernst zu nehmen. Denn kontemplative Praktiken erschließen evidente Gewissheiten, die über analytische und kalkulierende Aktivität nicht zu gewinnen sind. Der spätmittelalterliche Philosoph Meister Eckhart sagt: Alles, was durch Ununterschiedenheit unterschieden wird, ist umso mehr unterschieden, je mehr es ununterschieden ist. Auf unsere Welt bezogen heißt das: Die Singularität des Einzelnen wird desto stärker zutage treten, je entschiedener sich dieser dem Verlangen enthält, sich unterscheiden zu wollen.



© Bayern2, Nachtstudio, 9.11.2021

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