„Der konnte ja alles.“ Warum der Komponist Simon Laks dringend eine Renaissance erleben sollte, erklärt von Musikwissenschaftler Frank Harders-Wuthenow.
Es ist nicht so, dass man noch nie von Simon Laks gehört hätte, dem 1901 als Szymon Laks in Warschau geborenen und 1983 in Paris gestorbenen Komponisten.
Seine Orchesterwerke wurden eingespielt, seine Kammermusik (mehrfach und hochkarätig), seine Oper Die unerwartete Schwalbe kam in Bregenz und Montpellier auf die Bühne, sein Bericht Musik in Auschwitz – Laks überlebte das KZ als Mitglied des Lagerorchesters – erschien 2014 bei Boosey & Hawkes. Doch eine Renaissance wie etwa dem ebenfalls aus Warschau stammenden Mieczyslaw Weinberg war Laks bislang nicht beschieden.
Jetzt ist sein komplettes Schaffen für Stimme und Klavier aufgenommen worden und erweist sich als leuchtender Kern des Œuvres, ideal besetzt mit Sopranistin Ania Vegry, Pianistin Katarzyna Wasiak und Dominique Horwitz als Sprecher. Die 44 Lieder sind in Laks´ Wahlheimat Paris entstanden, und man fragt sich mehr denn je, wie Musik von solcher Qualität in Vergessenheit geraten konnte. Volker Hagedorn sprach darüber mit Frank Harders-Wuthenow, dem Musikwissenschaftler, der bei Boosey & Hawkes das Œuvre von Simon Laks betreut und die treibende Kraft hinter dem Doppelalbum ist.
VAN: Mich haben gleich die ersten beiden Lieder gepackt, obwohl ich kein Wort Polnisch verstehe und die Übersetzung mitlesen muss. Wie eine Mischung aus Debussy und Gershwin, aber ganz eigen…
Frank Harders-Wuthenow: Es gibt bei Laks eine große Bandbreite von nicht in Schubladen zu zwängenden Stilen. Ich weiß, dass er auch nach 1945 sehr bewusst mitbekam, was musikalisch um ihn herum los war, international, er war total auf dem Laufenden. Man kann hören, dass er Weill sehr geschätzt haben muss, und dass er Messiaen kannte, dass er eine Nähe zur französischen Musik hatte, Poulenc sicherlich näher war als Hindemith. Das hast du ja bei jedem Komponisten, dass es eher da hin geht als da hin, aber er hat sich nie von etwas abgegrenzt. Nur war vollkommen klar, dass er keine Lust hatte, seriell zu komponieren.
Laks war französischer Staatsbürger, er hat in Paris studiert und gelebt, bis zur Verhaftung 1941 und dann wieder ab 1945. Wie kommt es, dass seine Werke in Berlin verlegt werden, dass Polen, Deutsche, Amerikaner ihn spielen, man aber aus Frankreich nichts hört?
Von einigen klugen französischen Journalisten wird das sehr bedauernd moniert. Dieser Teil der Musikgeschichte ist in der französischen Wahrnehmung verloren gegangen, bis heute, auch die Vichy-Implikation. Wie viele jüdische Bürger Opfer der Kollaboration mit Nazideutschland wurden, das wird in Frankreich wenig thematisiert. Man interessiert sich nicht für die Musik dieser Leute. Das erlebe ich jetzt im Hinblick auf diese Doppel-CD als schmerzlich. Das Interesse in Deutschland ist groß, es gab bereits fünf oder sechs Radiobeiträge, in Frankreich passiert gar nichts.
© VAN Magazin, 7.7.2021
