„Der Nonkonformist“ Zum Tode des französischen Schauspielers Jean-Louis Trintignant. Von Marius Nobach

Der französische Schauspieler Jean-Louis Trintignant war ein ungewöhnlicher Kinostar, der eher für Zurückhaltung und Vielschichtigkeit stand als für Draufgängertum und Eindeutigkeit.

Gerade das machte ihn über Jahrzehnte hinweg für Filmregisseure interessant und ließ ihn zum Mittelpunkt zahlreicher Klassiker werden wie dem Melodram „Ein Mann und eine Frau“, vielen Politthrillern und Polizeifilmen, aber auch Krimis, Romanzen und Gewissensdramen. Der facettenreiche Darsteller schien sich beständig neu zu erfinden und überraschte auch noch in vielbeachteten Altersrollen bei Michael Haneke und Claude Lelouch.

Augen, denen nichts entgeht. Die Allens sind gerade erst auf die britische Kanalinsel Jersey gezogen und geben Partys, um in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Die junge Melanie tanzt, trinkt und flirtet. Ihr um einiges älterer Ehemann Vic sitzt unterdessen ruhig auf dem Sofa und beobachtet scheinbar unbeteiligt das Treiben. Einer der jungen Männer, mit denen Mélanie kokettiert, macht Vic sogar ein Kompliment, dass er so cool bleibe, doch dieser widerspricht gelassen: „Wenn mich ein Mann wirklich stört, töte ich ihn!“ Wobei er für einen Moment die Zähne fletscht, als wolle er ausdrücken, dass sich ein ziemlich gefährliches Raubtier in seinem zurückhaltenden Körper verberge.

In Michel Devilles Psychodrama „Stille Wasser“ ist bald danach tatsächlich zu erleben, wie Vic Liebhaber seiner Frau tötet, präzise und ohne sonderliche Emotionen. Die weitere Entwicklung ist in ihrer Konsequenz ebenso unerwartet wie in sich logisch: Vic verbirgt vor seiner Frau nicht, dass er hinter den Taten steckt, und gewinnt so eine neue Dominanz über sie. Denn von der Justiz wird er als Täter nicht ernsthaft in Betracht gezogen; und das nicht nur, weil Beweise fehlen, sondern vor allem wegen seiner betont unauffälligen Persönlichkeit. Außer seiner Frau traut ihm schlicht niemand die Morde zu.



© Filmdienst, 18.6.2022

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